Jordanien
Römer, Ritter und Kalifen
von Carsten Heinke
Ein leichtes Frühstück im Hotel. Fünfsterne-Komfort, international wie der bekannte Frischkäse auf dem Toast. Bis vor kurzem wusste ich gar nicht, dass Amman mehr als neun Jahrhunderte Philadelphia hieß. So hatten die Ptolemäer die Metropole kurz nach der Eroberung durch Alexander den Großen genannt. Und als Rabba, dem Wohnort der Ammoniter, wurde die heutige Hauptstadt des Haschemitischen Königreichs schon im Alten Testament erwähnt. Kaum sonst irgendwo treffen die Spuren biblischer, antiker und islamischer Geschichte in so hoher Konzentration aufeinander wie hier. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts präsentiert sich Amman vor allem als Super-City – mit mondänen Bauten, schicken Läden und Lokalen, modernen Menschen und chaotischen Verkehrsverhältnissen. Nein, die Zweimillionenstadt ist nicht gemacht für eine Liebe auf den ersten Blick. Für das stets verstopfte Wege-Labyrinth, das Straßennamen und Hausnummern erst seit vier Jahren etwas durchschaubarer gestalten, bin ich einfach zu ungeduldig. Doch genau das sollte man hier besser nicht sein. Unaufgeregtsein hilft am besten gegen Probleme, die sich irgendwann von selber lösen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Und die nutzt man viel besser in einer Trinkstube – entweder für einen Tee aus frischer Minze mit jeder Menge Zucker oder einen traditionellen Kaffee. Allerdings schmeckt der eher bitter, denn er wird mit reichlich Kardamom gewürzt.
Mit der Sicherheit eines Akrobaten schwenkt der Kellner die kupferne Kanne weit nach oben und lässt durch ihre dünne Tülle den langen heißen Strahl in den kleinen Becher fließen. „Das Kaffeetrinken spielt in der Beduinenkultur eine wichtige Rolle“, erklärt mir Aymn Tadros in perfektem Deutsch, das er bei seinem Studium in Bochum gelernt hat. „Lehnt ein Gast den angebotenen Kaffee prinzipiell ab, gilt das als Beleidigung. Dreht er den angetrunkenen Becher um, gibt er dem Gastgeber zu verstehen, dass ihm der Kaffee nicht schmeckt. Schüttelt er den Becher, heißt das, dass er nichts mehr will. Ansonsten wird automatisch nachgeschenkt. Mehr als drei Becher gibt es nicht“, erzählt mir der Fremdenführer. Nur die Ruhe bewahren Doch wir sind nicht in einem Beduinenzelt. Und in einem Restaurant wie „Hashem’s“ bestimmt natürlich der zahlende Gast, wie viel er essen und trinken möchte. Das winzige Lokal, in dem sich in der Mittagszeit Arbeiter und Geschäftsleute an dicht beladenen Tischen drängen, ist eines der ältesten und urigsten in der Altstadt. Das Essen wird immer schnell serviert, weil es stets dasselbe gibt: arabische Mezze, eine Vielzahl von Vorspeisen, die auch ein Hauptgericht sein können. Immer dabei: Fladenbrot und frischer Hummus aus Kichererbsen, Sesam, Knoblauch und Zitrone, gebratene und pürierte Auberginen, Salate aus Tomaten, Minze und Petersilie sowie braune Bohnen. Auf dem Suk mit all seinen bunten Ständen und schreiend
en Händlern, zwischen all den Menschen, die mich in den engen Gassen hin- und herschieben, spüre ich, wie praktisch es ist, gelassen zu sein. An diesem wunderbaren Gefühl soll mich auch die unbarmherzige Sonne nicht hindern. Statt einer weiteren Schirmmütze kaufe ich mir eine Kefija, das traditionelle Kopftuch arabischer Männer. Aymn berät mich beim Kauf. „Während Palästinenser fast ausschließlich weiße tragen, bevorzugen die meisten Jordanier rot-weiß gemusterte Tücher“, erklärt er. Für den Halt auf dem Kopf sorgt die Agal, ein doppelter Kordelring aus Wolle und schwarzen Ziegenhaaren, den mir der Händler lose auf das zum Dreieck gefaltete Tuch legt. Ein hervorragender Sonnenschutz und zugleich ein außergewöhnliches Erlebnis! Nur wenige Einheimische lachen über den verkleideten Europäer. Für die meisten scheint es ganz normal zu sein.
Ich hingegen bin überrascht, in einem Straßencafé auf der Wakalat Street junge jordanische Frauen zu treffen, die Kopftücher tragen, Wasserpfeife rauchen und im Fernsehen ein Fußballspiel verfolgen. Bau-Boom in Amman Oben auf dem Zitadellenhügel, zwischen den malerischen Ruinen des römischen Herkulestempels mit seinen hoch aufragenden Säulen, dem Umayyaden-Palast, der byzantinischen Kirche und all den Ausgrabungsfeldern, bekomme ich endlich den Überblick. Zusammen mit den Puzzleteilen, die ich zwischen Moscheen und Märkten, Häusern und Hotels gesammelt habe, setzt sich ein Bild zusammen. Einst wie Rom auf sieben Hügeln gebaut, erstreckt sich das heutige Amman über 19 natürliche Erhebungen, überfließt sie mit einem Meer aus weißen, grauen, gelben Würfeln, aus dem die Spitzen der Gotteshäuser und Paläste wie Leuchttürme ragen. Auch das gigantische römische Theater, mit seinen 6.000 Sitzplätzen immer noch ein beliebter Veranstaltungsort für große Bühnenwerke und Shows, ist von hier aus wunderbar zu sehen. Muezzine rufen singend zum Gebet, Kirchenglocken läuten, Baumaschinen rattern, Autos hupen. Wie Rauchschwaden steigt der Geräusche-Nebel empor, gibt einzelne Töne zu erkennen und lässt sie sogleich wieder im vor sich hin brummenden Gleichklang verschwinden.
Kaum zu glauben, dass diese Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts noch ein Zweitausend-Seelen-Ort war. Gewissen Aufschwung brachte die Hedschas-Bahn, die 1903 zwischen Damaskus und Medina gebaut wurde. Aber eine wirklich rasante Entwicklung erlebte Amman 1948, nachdem viele palästinensische Flüchtlinge aus Israel nach Jordanien gekommen waren. Von heute auf morgen schnellte die Bevölkerungszahl des Landes von 400.000 auf 1,3 Millionen in die Höhe. „Heute gibt es in Amman 20 Universitäten, die alle voll sind – trotz der hohen Studiengebühren. In den 70ern waren es zwei oder drei. Ich ging 1979 nach Deutschland, um zu studieren“, erzählt Aymn Tadros, heute 50, glücklich verheiratet und Vater dreier Kinder. Als er nach sechs Jahren wieder heimkehrte, erkannte er vieles nicht wieder. Allein der neue Flughafen irritierte ihn. „Gerade in dieser Zeit hatte sich unglaublich viel verändert. In den 80-er Jahren begann in Amman ein gewaltiger Bau-Boom. Die Stadt wuchs in alle Richtungen – außer in die Höhe. Erst ein neues Gesetz von 2001 erlaubt Gebäude mit mehr als vier Etagen. Bis dahin war der Bau von Hochhäusern in Amman tabu.“ Mit unverminderter Intensität setzte sich diese Entwicklung in den 90er Jahren fort. Grund war vor allem das Ende des Golfkriegs, nach dem mehr als 300.000 Jordanier und Palästinenser aus Kuwait nach Jordanien zurückkehrten.
Während Amman über alle Zeiten bewohnt blieb, wurden andere Metropolen des römischen Stadtverbundes Dekapolis, zu dem das antike Philadelphia gehörte, dem Verfall preisgegeben. Von einstiger Größe und Pracht zeugt die Ruinenstadt Jerash (Gerasa) mit ihrer 6.500-jährigen Siedlungsgeschichte, die ihre Blütezeit unter Herrschaft der Römer erlebte. Heute gilt die lange unter dem Wüstensand begrabene Provinzstadt als eine der besterhaltenen der Antike. Nach ihrer Freilegung und Wiederherstellung in den letzten 70 Jahren bietet Jerash ein großartiges Beispiel römischer Baukunst und Stadtplanung. Auch wer sich nicht für historische Details interessiert, wird es genießen, übers holprige Pflaster der Kolonnadenstraßen zu laufen, Tempel und Theater, Türme, Tore und Treppen, Badehäuser und Brunnen zu bestaunen. Architektonisch nicht weniger interessant ist Umm Qais, das römische Gadara, das auf einem Berg ganz im Norden Jordaniens liegt. Das Besondere dieser Stadt des Altertums ist die fantastische Aussicht auf die nahen Golan-Höhen, das Jordantal und den See Genezareth. 
Biblische Schauplätze betreten wir gleichfalls auf dem Berg Nebo, von dem aus Moses das gelobte Land gesehen haben soll, und natürlich am Jordan bei Bethania, wo man – etwas abseits vom heutigen Flussverluf – die tatsächliche Taufstelle Jesu entdeckt haben will – übrigens mit Hilfe einer 1.400-jährigen Karte, die als Mosaik den Boden der Sankt-Georgs-Kirche in Madaba schmückt. Farbenfrohe Fußbodenbilder gibt es auch in Qasr Amra, einem der zahlreichen Wüstenschlösser in der Umgebung von Amman. Oft mit feinen Fresken, Mosaiken, Figuren oder Stuckarbeiten verziert, reicht die Geschichte der einsamen Burgen im Sand oft bis ins siebte Jahrhundert zurück – so etwa auch die von Qasr Kharana, einem quaderförmigen Bau mit wunderschönem Innenhof. Qasr Azraq, eine Festung aus schwarzem Basalt, wurde seit den späten Römerzeiten durchgehend genutzt, unter anderem als Karawanserei. Während des von den Briten forcierten Aufstandes der Araber gegen das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg diente sie dem britischen Archäologen, Agenten und Schriftsteller Lawrence von Arabien als Hauptquartier. Aus einem Bilderbuch über das Mittelalter könnte die Burg von Ajloun stammen. Zum Schutz der Mekka-Pilger und zur Abwehr der Kreuzritter wurde die imposante islamische Festung im zwölften Jahrhundert auf den Ruinen eines christlichen Klosters erbaut. Mit ihrer erhöhten Position auf einem Hügel dominiert sie einen breiten Landstrich im nördlichen Jordantal und bietet Besuchern atemberaubende Ausblicke. Meine Lieblingsaussicht auf Amman, so entdecke ich am Abend nach der Rundreise, liegt dem Zitadellenhügel genau gegenüber. Ebendieser wird bei Dunkelheit beleuchtet und bietet mit seinen Säulen und Kuppeln eine dramatische Show. Ein idealer Platz, diese Szenerie zu genießen, ist die von alten Olivenbäumen gesäumte Terrasse des Wild Jordan Cafés. Das chic gestylte Lokal gehört der Königlichen Gesellschaft für Naturschutz (RSCN) und bietet neben gesunder Biokost auch Handgemachtes zum Mitnehmen. Aber eins ist nicht im Angebot: Alkohol …
Reiseangebot
Beste Reisezeit: März bis Mai, Oktober und November. Zu bedenken ist: Während des Fastenmonats Ramadan gelten Einschränkungen. Viele Banken, Geschäfte und Restaurants schließen bereits am Nachmittag.
Klima: Im größten Teil Jordaniens herrscht kontinentales Wüstenklima mit heißen, trockenen Sommern und im Winter Temperaturen zwischen 13 und 19 °C. In den Wüsten sind die Temperaturschwankungen groß.
Sprache: Arabisch. Guten Tag – marhaba, danke – shukran. In größeren Städten ist Englisch verbreitet.
Zeit: MEZ plus 1 Stunde.
Geld: Jordanischer Dinar (JOD), in der Umgangssprache kurz „Dschey-di“. 1 EUR = 0,96 JOD. Kreditkarten werden in den meisten Hotels und Geschäften akzeptiert.
Dokumente: Personalausweis. Ein Visum zur Einreise erhält man auf Ammans Queen Alia International Airport.
Gesundheit: Ein aktiver Impfstatus gegen Hepatitis, Polio, Tetanus und Typhus ist ratsam. Kein Leitungswasser trinken! Ärzte und Krankenhäuser gibt es den größeren Orten. Auch einige Hotels bieten ärztliche Versorgung an.
Essen & Trinken: Mittags gibt es Mezzah – bis zu 40 verschiedene Gerichte, z.B. Weinblätter, Oliven, Dips wie Hummus (Brei aus Kichererbsen) und Soßen. Danach folgt das Hauptgericht – meist Lamm oder Huhn, serviert mit Reis und Gemüse. Das Nationalgericht heißt Mansaf. Es besteht aus einem Reisbett mit Mandeln und Pistazien, gebratenem Lammfleisch und einer Joghurtsoße Gegessen wird traditionell mit der linken Hand. Die rechte gilt als unrein. Desserts sind meist mit viel Honig gesüßt.
Sehenswert: Amman, die Hauptstadt Jordaniens. Historische Stätten: Petra, eine Stadt, die von den Nabatäern in den Sandstein geschlagen wurde; Jerash, eine antike Stadt; Mosaikstadt Madaba; Festung Kerak; Burg von Ajloun; Ruinen von Pella; Wadi Rum. Ideal zum Baden: Totes Meer, Aqaba am Roten Meer.
Unbedingt machen: Auf angemessene Kleidung achten. Außerhalb des Hotels sollten Knie und Schultern bedeckt sein – was sowohl für Männer als auch für Frauen gilt. Frauen sollten beim Baden einen Badeanzug tragen und keinen Bikini. Bei Ausflügen am Tag Hut, Sonnenbrille und genügend Wasser mitnehmen. Leinen- und leichte Baumwollbekleidung fühlt sich auch bei Hitze kühl an.
Unbedingt vermeiden: Wasser verschwenden. Es kostbar ist in Jordanien. An Ramadan sollte vor Sonnenuntergang nicht in der Öffentlichkeit gegessen, getrunken oder geraucht werden. Auf der Straße Geld wechseln.
Beliebte Mitbringsel: Auf den Souks (Basaren) gibt es Gewürze und Kräuter, handgewebte Teppiche und Kissen, bestickte Textilien, Gold- und Silberschmuck sowie Halbedelsteine, Beduinenmesser, Kaffeekannen, Artikel aus Ton und Wasserpfeifen. Vergessen Sie das Handeln nicht! Außerdem sollte man Pflegeartikel aus Totes Meer-Salz mitnehmen.
Literatur: Marco Polo „Jordanien“, 9,95 €.
Auskünfte: Jordanisches Fremdenverkehrsamt in Frankfurt, Tel. 069/71 91 36 62, germany@visitjordan.com, www.visitjordan.com.
Reiseinformationen
"Jordanien, wie es Sie berührt“ ist der Titel einer einwöchigen Rundreise im Angebot der TUI. Darin enthalten sind u.a. eine Stadtrundfahrt durch Amman, der Besuch der faszinierenden Felsenstadt Petra bei Nacht und gemeinsames Kochen in der „Petra Kitchen“ sowie eine Off Road-Tour in Wadi Rum mit Besuch des Lawrence Spring. Übernachtet wird in 4,5- bis 5-Sterne-Hotels: 2x Grand Hyatt Amman, 3x Mövenpick Resort Petra, 2x Kempinski Hotel Aqaba. Preis: ab 1.429 € pro Person im DZ mit Halbpension. Information und Buchung
Fotos: Carsten Heinke
Einen Kommentar schreiben