Lanzarote

Tanz auf dem Vulkan

von Christina Buhk

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José wird 50. Und nun lässt er keine Ausreden mehr zu. „Jetzt machst du endlich mal Ferien auf dem Mond!“ lacht mein guter alter Freund am Telefon. Okay, abgemacht. Wenige Wochen später lande ich nach fünf Stunden im Flieger auf Josés „schwarzer Perle“ im Atlantik – Lanzarote. Drei Tage lang wird Geburtstag gefeiert. Ein herrliches Fest. Und dann zeigt mir mein Freund, ein gebürtiger Valencianer, wo in seiner zweiten Heimat der echte Tanz auf dem Vulkan stattfindet – abseits der Urlaubszentren. So lerne ich zunächst das Vermächtnis von César Manrique kennen. Der berühmteste Sohn der Insel kam zwar bereits 1992 im Alter von 73 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Doch was der Künstler und Architekt bis ­dahin erschaffen hat, beeindruckt noch heute mit zeitloser Schönheit: die Verschmelzung von Kunst und Natur zu einer harmonischen Einheit. Harmonische Einheit aus Kunst und Natur Basis dafür bildete Manriques mehrjähriges Studium an der „Akademie der Schönen Künste“ in Madrid, das er als Meister im Zeichnen und Malen abschloss. Mitte der 50er-Jahre galt er als einer der Vorreiter des Surrealismus und eröffnete in Spanien die erste Kunstgalerie ohne Bilder. Nelson Rockefeller, Sohn des berühmten amerikanischen Ölmagnaten John Rockefeller und Liebhaber ­moderner Kunst wurde auf ihn aufmerksam. Er lud Manrique in die Vereinigten Staaten ein, wo der Künstler in den folgenden Jahren u. a. in New York seine Arbeiten ausstellte.

Zurück in der Heimat, beschloss ­César Manrique, seine geliebte Insel kunstvoll neu zu gestalten. Das Konzept: Lanzarote sollte nur noch in traditioneller Weise bebaut werden, kein Gebäude höher als zwei Stockwerke sein und die allseits störenden Werbe­plakate von den Straßen verbannt ­werden. Und weil der Meister so überzeugend war, standen schließlich ­Politiker und Bevölkerung geschlossen hinter ihm. Manrique selbst ging mit gutem Beispiel voran und baute auf Lanzarote Häuser, in die der vulkanische Ursprung in einmaliger Form integriert ist. In einem davon ist seine Stiftung zur Förderung der Kunst, Umwelt und Kultur – die Fundación – untergebracht. Als José mit mir das Gebäude besucht, fühle ich mich wie in eine Traumwelt versetzt. Lavablasen mit ihren schroffen ­Wänden haben sich von ungastlichen Höhlen in gemütliche Wohnräume verwandelt. Sogar ein von einem Lavastrom eingeschlossener Baum steht mitten im „Zimmer“. Es gibt viele Skulpturen und im Innenhof sogar ein wenig Grün: Ein heller Weg führt um Beete herum, in deren schwarzem ­Boden unterschiedliche Pflanzen gedeihen. Die hohe Mauer, die den Hof umfasst, ist mit einem bunten Gemälde verziert. Bis dahin habe ich gar nicht gewusst, dass Lava so schön ­wirken kann. Und mit einem Mal entdecke ich überall auf Lanzarote die mit Auszeichnungen überhäuften und international anerkannten Werke Manriques. Seine metallenen Windspiele schmücken diverse Verkehrsinseln, und auch zahlreiche Sehenswürdigkeiten tragen unverkennbar seine Handschrift. Dazu gehört zum Beispiel die Aussichtsplattform „Mirador del Río“ auf dem Famara-Kliff im Norden. Sowohl das verglaste Restaurant als auch der Weg außen herum sind wortwörtlich in Stein gemeißelt. Und der Blick hinüber auf Nachbarinseln wie La Graciosa ist ebenso fantastisch wie der in die Tiefe, wo das aufgebrachte Meer gegen die Lavawände peitscht.„Ja, bei uns auf dem Mond kann es manchmal ganz schön wild zugehen“, stellt José mit einem Augenzwinkern fest.

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Am nächsten Tag fahren wir ins ­Grüne, verspricht mir mein Freund. Ich halte das zwar für eine seiner ­typischen Übertreibungen und ­erwarte nicht allzu viel. Aber die „Cuevas de los Verdes“ hauen mich dann doch um. Nach wem die unterirdische „Höhle der Grünen“ benannt ist, weiß heute niemand mehr. Vielleicht nach außerirdischen Besuchern? Eine politische Partei stand jedenfalls nicht Pate. Entstanden ist das Naturwunder vor etwa 4.000 Jahren – natürlich durch ­einen Lavastrom. Er schuf ein mehrere Kilometer langes Höhlensystem, von dem ein kleiner, erforschter Teil seit Mitte der 60er Jahre besucht werden darf. Und das ist ein wirklich spektakulärer Rundgang mit Gänsehaut-­Garantie! José und ich schließen uns einer ­kleinen Touristengruppe an, die von Miguel geführt wird. Und der erzählt uns in spanischer und englischer ­Sprache von Piraten, die hier Schutz gesucht haben sollen. Ein Rundgang mit Gänsehautgarantie Breite Gänge wechseln sich mit schmalen Treppen ab, auf denen wir uns vorsichtig in die Tiefe tasten. Ich muss immer wieder die rauen Wände berühren, die durch indirekte Beleuchtung geschickt in Szene gesetzt werden. Dann erreichen wir eine von der ­Natur geschaffene Halle, deren ­Akustik modernen Konzertsälen in nichts nach­steht. Gregorianische Gesänge aus dem 16. Jahrhundert erklingen. Plötzlich fühle ich mich in diese Zeit zurückversetzt, stehe inmitten einer Klosterkirche und sehe eine Gruppe betender Mönche vor meinem inneren Auge vorbeiziehen …

Nur langsam und ziemlich unwillig kehre ich örtlich und zeitlich in die ­Gegenwart zurück. Und am Ende der Führung hat Miguel noch ein Highlight für uns parat. imageEr zeigt uns einen brunnenförmigen Abgrund, warnt ­jedoch eindringlich davor, sich beim Hinuntersehen zu weit vorzubeugen! Voller Ehrfurcht blicken wir also ­einige Sekunden still in die schier ­unendliche Tiefe – die sich plötzlich bewegt! Reingelegt! Der vermeintliche Abgrund ist nur eine Illusion. Tat­sächlich liegt vor uns ein flacher Süßwassersee, dessen spiegelglatte Oberfläche uns die Tiefe nur vorgegaukelt hat – bis Miguel eine Hand ins Wasser steckte. José merkt, wie sehr mich das Naturwunder der „Cuevas de los Verdes“ fasziniert hat und fährt mit mir zu den „Jameos del Agua“. Dieser zugängliche Teil des unterirdischen Höhlensystems liegt ein wenig weiter östlich, näher zum Atlantik hin. Und dort haben sich mehrere Einbrüche in den Lavatunnel gegraben. Herzstück der „Jameos“ ist eine ­Grotte mit einem Restaurant am Eingang, von dem aus wir direkt in die Tiefe sehen und über eine steinerne Treppe hinabsteigen können. Das lohnt sich schon wegen der kleinen weißen Krebse, die – weltweit einzigartig – dort in einem vom Meer getrennten See leben. Beim Abendessen schwärme ich ­Renate, Josés deutscher Lebensge­fährtin, von den wunderbaren Sehenswürdigkeiten vor. Und ernte ein verschmitztes Lächeln: „Na, dann freue dich schon mal auf morgen. Da machen wir drei es uns in den Feuerbergen gemütlich!“

Und so bekommt mein Interesse an Vulkanen und schwarzen Lavaböden neue Nahrung. Im heutigen Timanfaya-Nationalpark gab es im 18. Jahrhundert die längsten Vulkanausbrüche auf Lanzarote. Sechs Jahre lang brach die Erde gewisser­maßen wie am Fließband immer ­wieder auf und spuckte ihr glühendes Innere aus. Der schier endlose Strom begrub kleine Dörfer, einzelne Höfe und den bis dahin so fruchtbaren ­Boden für immer unter sich. Beim Teufel wird auf Höllenfeuer gekocht Dass das Höllenfeuer tief in der Erde noch längst nicht erloschen ist, wird eindrucksvoll im „El Diablo“ (der ­Teufel) demonstriert. Das von Künstler Manrique errichtete Restaurant besitzt eine Kochstelle, die direkt aus der ­Natur gespeist wird: Das Essen wird über einem heißen Erdloch gegrillt. Denn nur wenige Meter unter der Oberfläimageche herrschen Tempera­turen von bis zu 700?°C, die das im Ge­stein ein­geschlossene Wasser wie eine Fontäne herauspressen! Nach so viel Hitze haben wir uns ein kühles Bad im Atlantischen Ozean verdient. Und obwohl es an Lanzarotes rund 100 Kilometer langen Küste geschätzte 100 wunderbare Goldstrände gibt, möchte ich unbedingt mal auf dunklem Sand liegen. Allerdings: Ich brauche einige Zeit, um mich an die Kombination von Schwarz und Strand zu gewöhnen. Mir ist, als ob ich mein Badelaken auf einer asphaltierten Straße ausbreite! Ich muss zugeben, dass mir auf Dauer die Strände in ge­wohnter Sandfarbe wie in Puerto del Carmen doch lieber sind. Als ich am letzten Tag meines Kurzurlaubs schweren Herzens den Koffer packe, schenken mir Renate und José zum Abschied ein hübsches Glas, das schichtweise gefüllt ist: unten gold­farbener Sand vom Strand, darüber schwarzer Sand, obendrauf Lavasteinchen. „Damit du deine Reise zum Mond nicht vergisst“, schmunzelt José. Und ich denke, uns allen ist klar, dass das unmöglich ist.

Reiseangebot

imageBeste Reisezeit: Ganzjährig. Die Kanaren werden ja auch Inseln des ewigen Frühlings genannt.
Klima: Mild und regenarm. Die Temperaturen im heißesten Monat August liegen durchschnittlich bei 25 °C, im Winter bei 16 °C. Da Lanzarote in der Passatzone liegt, weht das ganze Jahr über ein frischer Wind, macht auch die Sommerhitze erträglich. Wassertemperaturen: 18 bis 23 °C.
Sprache: Spanisch. In den Touristenzentren wird auch Deutsch oder Englisch gesprochen.
Zeit: MEZ minus 1 Stunde.
Geld: Euro.
Dokumente: Personalausweis.
Gesundheit: Eine notwendige ärztliche Behandlung wird durch die Europäische Krankenversicherungs-karte abgedeckt.In größeren Touristenorten findet man auch deutschsprachige Ärzte; Deutsch-Britische Klinik, Centro Comercial Plaza Tandarena 25, Costa Teguise, Tel. 928 59 21 25.
Essen & Trinken: Zu den kanarischen Spezialitäten gehört Mojo, eine kalte Sauce, die aus Chili, Essig, Öl und Knoblauch hergestellt wird. Dazu isst man Fleisch, Fisch, Brot oder papas arrugadas (ungeschälte, mit Meersalz gekochte und daher runzlige Kartoffeln). Fisch wird frisch aus dem Meer oder zu Stockfisch zubereitet. Gofio ist ein Getreide- oder Maismehl, das mit Wasser und Olivenöl zu Brei oder einem Laib verknetet wird. Getrunken wird der inseleigene Wein, z.?B. aus dem Anbaugebiet La Géria.
Restaurants: Im „El Diablo“ (der Teufel) im Timanfaya-Nationalpark isst man Gegrilltes, das über einer natürlichen Kochstelle erhitzt wird – einem vulkanischen Erdloch.
Sehenswert: Hauptstadt Arrecife: Castillo de San Gabriel und Castillo de San José; das Wrack des britischen Frachters „Temple Hall“ im Hafenbecken. Nationalpark Timanfaya mit den Feuerbergen. Tipp: Wenn Sie auf einer Bustour rechts im Bus Platz nehmen, haben Sie einen besseren Blick auf die Sehenswürdigkeiten. Lavahöhlen Jameos del Aqua und Cueva de los Verdes – der längster Lavatunnel der Erde. Kaktuspark Jardin de Cactus ; Weinanbaugebiet La Géria. Miradores (Aussichtspunkte): Mirador de Maguez mit wunderschönem Ausblick auf benachbarte Inseln, Mirador de Guinate (nahe Guinate), Mirador del Rio. Lanzarotes schönste Strände: Caletón Blanco – mitten zwischen schwarzen Lavakrusten, blütenweißen Strände und türkisblauem Wasser; Playas de Papagayo – surreale Landschaft, leider oft überfüllt; Famara – beliebtes Surfer-Revier; El Risco – etwas mühsam über Klippen zu erreichen, aber ein wunderbar einsamer Strand.
Unbedingt machen: Wasser sparen. Lanzarote ist die trockenste Insel der Kanaren und das Wasser knapp. Süßwasser wird mit großem Aufwand in einer Meereswasser-Aufbereitungsanlage produziert.
Unbedingt vermeiden: In Zonen parken, die mit einem gelben Streifen am Bordstein markiert sind. Der (Miet-)Wagen wird schneller abgeschleppt, als man vom Einkauf zurück ist. Die Strömung im Meer unterschätzen. An einigen Stränden ist das Baden nicht ganz ungefährlich.
Beliebte Mitbringsel: Korbwaren, Timples (kleine Gitarren), Schmuck aus Olivin (smaragdgrünes Mineral aus dem Vulkangestein). Es lohnt sich, den Markt in Teguise zu besuchen.
Literatur: „Lanzarote“, Reise Know-How. 14,90 €.
Auskünfte: Lanzarote Fremdenverkehrsamt, Blas Cabrera Felipe, s/n, 35500 Arrecife de Lanzarote, Islas Canarias/España, Tel. +34/928/811762, Fax+34/928/800080, info@turismolanzarote.com, www.turismolanzarote.com/de.

Reiseinformationen

Ein Domizil, das auch komfortgewohnte Gäste begeistert: In der „Finca Isabel“ können sie ihren Urlaub abseits der großen touristischen Zentren in aller Ruhe genießen. Die 4-Sterne-Appartements befinden sich in einem liebevoll restaurierten Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, auf einem ca. 8.000 qm großen Grundstück mit Reben, Obstbäumen und Gemüseanbau. Die Sonnenterrasse und zwei Swimmingpools sind in eine natürliche Lavastein-Grotte integriert. Lanzarotes alte Inselhauptstadt Teguise mit ihren urigen Kneipen und Restaurants ist ca. 8 km entfernt, der Famara-Strand ca. 15 km. Preis: Jahn Reisen bietet ein Appartement pro Woche ab 456 € (nur Übernachtung) an. Information und Buchung

Fotos: Institut für Tourismus in Spanien / Turespaña

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