Nicaragua
Vulkane, Meer und Regenwald
von Brigitte Eilert-Overbeck
Der erste Eindruck ist gemischt. Auf der Fahrt vom Managua-Airport ins Landesinnere sehen wir viele lebensfrohe, lachende Menschen, aber auch deutliche Armut. Bescheidene Hütten im Kontrast zu feudalen Villen. Über allem liegt brütende Hitze. Nicaragua – ein Paradies für Naturliebhaber? „Ihr werdet es erleben,“ prophezeit Enrico, unser einheimischer Guía, selbstbewusst. Und tatsächlich – nach einer knappen Stunde Fahrt begegnet uns das erste Stück vom Garten Eden: das Natur-Reservat Chocoyero, nahezu unberührte Wildnis. Die Y-förmige Schlucht mit dem dichtem Wald wird begrenzt von steilen Felswänden und zwei Wasserfällen: El Chocoyero und El Brujo. Hier ist die heftige Hitze einer angenehmen Sommertemperatur gewichen. Und ein leichter Luftzug lässt uns durchatmen. „Vamos!“ sagt Enrico. Der Hauptweg durch das Tal ist auch für uns Großstadtmenschen nicht allzu beschwerlich. Keine halbe Stunde dauert es, bis wir eine große Aussichtsplattform erreichen gegenüber der Felswand mit dem Chocoya-Fall.„Passt auf,“ flüstert Enrico. Also stehen wir mucksmäuschenstill, hören ein Schwirren und Zwitschern – sehen, wie sich eine grüne Wolke auflöst in hunderte kleiner grüner Papageien, die alle die Felswand ansteuern. Sie kehren heim zu ihren Brutplätzen.
Chocoyas heißen die Kerlchen. Und sie sind nicht die einzigen Stars unter den über 160 Vogelarten des Reservats. Neben Kolibris und Tucanillos können wir auch Nicaraguas Nationalvogel Guardabarranco beobachten, der so wunderhübsch ist mit seinem bunten Gefieder un
d dem langen Schwanz. In den Wipfeln der Baumriesen hausen verschiedene Affenarten. Man kann Nasenbären begegnen, Gürteltieren und – im Rahmen einer geführten Nachtwanderung – vielleicht sogar einem Ozelot. „Und unsere Städte können sich auch sehen lassen“, verspricht Enrico und zeigt uns das 500 Jahre alte Granada mit seinen malerischen Gassen. Wir bestaunen prächtige Kolonialbauten, bummeln durch Boutiquen und genießen exzellent zubereiteten nicaraguanischen Kaffee im sonnigen Innenhof eines umgebauten Palastes. Schließlich lassen wir die pflastermüden Füße bei einer Tour in der Pferdekutsche ausruhen – in Granada ein so gewöhnliches Verkehrsmittel wie bei uns der Bus. Ist nun Granada die schönste Stadt Nicaraguas oder León, die ewige Rivalin im Westen, mit der Ruinenstadt León Viejo, die zum Weltkulturrbe der Unesco gehört? Schwer zu entscheiden …
Zurück zur Natur. In ein Gebiet, das mit duftenden Blumen geradezu übersät ist. Verschiedene Orchideenarten leuchten um die Wette mit gelbweißen und zartrosa Sacuanjoches, Nicaraguas Nationalblumen, auch als Frangipani bekannt. Sie zieren den Nationalpark Vulkan Masaya, der etwa 20 Kilometer nördlich von Granada liegt. Die Vulkane Masaya und Nindirí sind vor mehr als zwei- bzw. dreihundert Jahren zum letzten Mal „richtig“ ausgebrochen. Der 635 Meter hohe Masaya raucht und grummelt immer noch. 2001 hat er sogar ein paar Brocken Lava gespuckt, die zum Glück niemanden verletzten. Wer bei Nacht in den 180 Meter tiefen Höllenschlund blickt, kann das rote Glühen der Lava sehen. „Hier im Krater haust Chacitutique, die Feuerhexe. Wenn sie zornig wurde und feurige Felsbrocken schleuderte, besänftigten die Ureinwohner, die Chorotega-Indianer, sie mit Menschenopfern, die in den Abgrund gestürzt wurden,“ lässt Enrico uns schaudern. Und während der Somoza-Diktatur ereilte manchen Regimegegner das gleiche Schicksal. Erleichtert registrieren wir, dass jetzt, am hellen Tag, eine friedliche Stimmung über dem Park liegt und genießen einen wunderbaren Blick über das satte Grün der Tiefebene, in der einige Seen wie Juwelen schimmern. Wohl einer der schönsten ist die Apoyo-Lagune, ein kristallklarer Kratersee. Zauberhaft!

„Es wird noch besser,“ verspricht Enrico. Wir fahren nach San Jorge am riesigen Nicaragua-See, dem „dritten Meer“ des Landes, auch Cocibolca genannt. Von hier aus geht es per Boot zur Insel Ometepe, der größten Süßwasserinsel der Welt. Entstanden ist sie aus den Vulkanen Concepción (immer noch einer der aktivsten Vulkane Mittelamerikas) und Maderas. Beide Vulkane sind bewaldet, können erklommen werden und bieten unzähligen Tierarten eine Heimat – darunter Brüllaffen, Papageien und Riesenechsen. Die Brüllaffen tragen ihren Namen übrigens zu Recht, wie wir bald feststellen werden … Einige aus unserer Reisegruppe fühlen sich fit genug für den Aufstieg auf den Maderas, andere genießen lieber die Sonne am herrlichen Strand von Santo Domingo. Zu weit hinausschwimmen sollten wir lieber nicht, warnt Enrico. Denn im See gäbe es – kaum zu glauben, aber wahr – Haie, die ja eigentlich im Meer zu Hause sind. Des Rätsels Lösung: Erst sehr spät in der Erdgeschichte wurden Pazifik und Cocibolco voneinander getrennt. Kein Zweifel, für Naturliebhaber, Wanderer und Sonnenanbeter ist die Insel Ometepe ein wahres Eldorado. Von Ometepe aus führt uns Enrico mit dem Boot nach San Carlos, einem Städtchen am südöstlichen Ende des Nicaraguasees. Es ist Ausgangspunkt für Touren auf dem Rio San Juan, einem etwa 200 Kilometer langen Fluss, der vom Nicaraguasee in den Atlantik fließt und über einen großen Teil der Strecke die Grenze zu Costa Rica bildet.
Wir fahren bis El Castillo, einem Fort der Spanier aus dem Jahr 1675. Die Festung ist wunderschön gelegen und unbedingt einen Besuch wert. Heute beherbergt sie ein Geschichtsmuseum – ebenso eindrucksvoll wie die bereits seit Kolonial-Zeiten bewegte und komplizierte Geschichte des Landes. Wie im Paradies! Der Ausblick ist paradiesisch, aber ein anderes Paradies interessiert uns noch mehr: das Naturreservat Indio Maíz, der größte zusammenhängende Primärwald Mittelamerikas. Zu Wasser und zu Lande gibt es hier mehr Tier- und Pflanzenarten als in ganz Europa. Um nur einige zu nennen: Kaimane, Tapire, Seekühe, Brüllaffen, Klammeraffen, Kapuzineräffchen, Amazonen, Aras, Tukane, Erdbeerfrösche, Pfeilgiftfrösche und unterschiedlichste Schmetterlingsarten. Sogar Jaguare sollen gesichtet worden sein. Und, wie in jedem Garten Eden, natürlich auch Schlangen und andere Rep
tilien. Von der nahe gelegenen Lodge Bartola aus schließen wir uns einer geführten Tour ins Reservat an. Baumriesen von bis zu 40 Meter Höhe lassen uns ehrfürchtig staunen, ebenso bizarre Blüten, juwelenbunte Vögel, anmutige Äffchen und vielfarbige Schmetterlinge. Die nachtaktive Riege der Dschungelbewohner und bestimmte andere Tarnungskünstler bekommen wir nicht zu Gesicht – vielleicht auch gut so. Wie sollten wir den Dschungelkönig Jaguar angemessen begrüßen? Zurück nach El Castillo und dann nach San Carlos. An zwei Tagen in der Woche, früh um 6 Uhr, fährt von hier aus ein Boot auf dem Rio San Juan nach San Juan del Norte an der Karibikküste. Doch statt der menschleeren Traumstrände dort locken uns die kleinen Solentiname-Inseln im Nicaraguasee. Wir beobachten Vögel auf La Venada, erkunden das Inselmuseum auf San Fernando und schauen auf Mancarrón den Malern und Kunsthandwerkern der einst vom nicaraguanischen Politiker, Poeten und Ex-Priester Ernesto Cardenal gegründeten christlichen Genossenschaft bei ihrer Arbeit zu. Doch, Enrico hat völlig Recht. In Nicaragua finden Urlauber wirklich ihr Paradies – ein Paradies mit kleinen Schönheitsfehlern.
Reiseangebot
Beste Reisezeit: Nicaragua kann das ganze Jahr über bereist werden. Am angenehmsten ist es zwischen Dezember und März.
Klima: Von November bis April herrscht an der Pazifikseite Trockenzeit. Besonders trocken und dann auch recht staubig ist es hier im April und Mai. Die Wassertemperaturen sinken in Nicaragua selten unter 25 °C. An der Atlantikseite kann es das ganze Jahr über mal etwas kräftiger regnen.
Sprache: Spanisch. Minderheiten an der Karibikküste sprechen Kreolisch oder Indiosprachen wie Miskito, Sumu, Rama oder Nahuatl. Englisch und andere Fremdsprachen sind kaum verbreitet.
Zeit: MEZ minus 7-8 Stunden.
Geld: Nicaraguanischer Córdoba. 1 EUR = ca. 27,80 NIO. Der Umtausch von Euro ist vor Ort schwierig. Es empfiehlt sich, US-Dollar in Form von Travellerchecks mitzunehmen.
Dokumente: Reisepass, der noch mindestens 6 Monate gültig ist; für einen Aufenthalt bis 90 Tage visafrei. Bei Einreise muss für ca. 5 US-Dollar eine Touristenkarte erworben werden.
Gesundheit: Durchfallerkrankungen sind bei Touristen ein häufiges Problem. Daher kein Wasser aus der Leitung trinken. Halten Sie sich an die Regel: Koch es, schäle es oder vergiss es! In Nicaragua kommen Malaria und Dengue-Fieber vor. Und denken Sie auch an Mückenschutz!
Essen & Trinken: Reichlich angeboten werden Mais, Avocados und viele frische Früchte, z.B. Mangos. Beliebte Gerichte sind gebratene Bananen (Tostones), gallo pinto (Reis und Bohnen). Zu den Hauptgerichten gibt es meist Mais-Tortillas. An Fleisch kommt hauptsächlich Huhn und Schwein auf den Tisch. Exotische Fleischsorten sind Leguan und Gürteltier. Die einheimischen Pils-Biermarken heißen Victória und Toña. Cususa ist ein Maisschnaps.
Sehenswert: Managua; Granada, eine schöne Stadt im Koloniastil; Léon mit der ältesten Universität Lateinamerikas; Masaya, eine kleine Stadt mit Häusern im Kolonialstil, einem wunderbaren Markt und einem Vulkan; El Cañón de Somoto.
Unbedingt machen: Für Wertsachen und Dokumente einen Hotelsafe mieten. Und nur lizensierte Taxis nehmen.
Unbedingt vermeiden: Pünktlichkeit erwarten. Die „Nicas“ gehen das Leben gelassen an. Lassen Sie sich im Urlaub davon anstecken.
Beliebte Mitbringsel: Nationales Kunsthandwerk; Hängematten und Wandteppiche mit nicaraguanischen Motiven, z.B. dem Tucan; Holzschnitzereien, Lederwaren, insbesondere aus Léon. Die schönsten Märkte sind in Masaya und San Juan de Oriente.
Literatur: „Nicaragua – Ein Land mit Herz“, Neues erleben, veaverde-Reiseführer, 16,80 €.
Auskünfte: Botschaft von Nicaragua, Joachim-Karnatz-Allee 45, 2. OG., 10557 Berlin, Tel. 030/ 206 43 80, www.nicaraguaportal.de.
Reiseinformationen
„Nicaragua pur“ heißt ein 15-tägiges Reiseangebot des Mittelamerika-Spezialisten travel-to-nature. Er bietet den Teilnehmern Gelegenheit, Land und Leute hautnah zu erleben. Reisestationen sind u.a. die Hauptstadt Managua, das Hochland Nicaraguas, La Garancha, Finca El Jalacate und Estanzuela Wasserfall, Estelí, León, der Vulkan Cerro Negro, Isla Juan Venado, der Vulkan Cosigüina, die Kolonialstadt Granada und San Juan del Sur. Den Abschluss bilden drei entspannte Tage am Meer. Leistungen: 12 x ÜF in schönen Mittelklasse-Hotels, Lodges und Cabinas, 2 x VP in einfachen Bungalows, Transfers, Besichtigungs-Programme, deutschsprachige Reiseleitung. Preis: ab 1.239 € p.P. im DZ. Info und Buchung: travel-to-nature GmbH, Tel. +49 (0) 7634/505 50, info@traveltonature.de, www.mittelamerika-reisen.de, www.nicaragua-reisen.de.
Fotos: Travel to nature
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