Abruzzen
Ungezähmte Schönheit der Natur
von Anja M. Schmutte
Mittagszeit, die Sonne steht ganz hoch am Himmel, ein leichter Wind fährt durch das Haar, doch 2.000 Meter über dem Meeresspiegel ist es selbst im Sommer angenehm kühl hier auf der Hochebene Campo Imperatore. Am Horizont zeichnet sich die Bergkette des schroffen Gran-Sasso-Massivs ab und vor mir liegt eine karge Landschaft mit Wanderwegen, die durch Mulden und über Wiesen führen, auf denen sich ein bunter Blütenteppich aus Narzissen, Enzian, Veilchen und sogar Orchideen erstreckt. Kein Wunder, dass die Ebene für Kaiser Friedrich II. ein magischer Ort war, denn sie beflügelt unsere Fantasie in ihrer Klarheit, die so viel Raum für eigene Gedanken lässt. Gleichzeitig steckt in ihr bei aller Größe und Weite des Raums die Schönheit der kleinen Wunder der Natur. Ob der Kaiser ihr aber deshalb diesen pompösen Namen gab oder ihn ganz eitel und selbstverliebt auf sich bezog – das wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben. Mich schlägt die Kargheit dieser Landschaft jedenfalls in ihren Bann. Ich will mehr von ihrem Zauber spüren. Während der Rest meiner Reisegesellschaft sich ganz den Köstlichkeiten und der Muße beim Picknick hingibt, stiefele ich einfach der Nase nach los. Mitten rein ins Postkarten-Panorama, das mit seinen wilden Bergblumen und weißen Gipfeln an die Alpen erinnert. Nach bimmelnden Glocken lausche ich in dieser Umgebung allerdings vergebens, denn die Schafe sind hier eindeutig gegenüber den Kühen in der Überzahl. Das ist seit Jahrhunderten ihr Revier. Sie sorgten einst für Wohlstand in den Abruzzen, der inzwischen längst Vergangenheit ist.
Unvergänglich dagegen scheint der Reichtum der Natur – und den versteht man sich hier zu bewahren: Mehr Schutzgebiete als die Abruzzen hat keine andere italienische Region. Und so ist es vor allem Stille, die mich umgibt. In der Luft schwebt ein blumiger Duft, leicht gewürzt vom Aroma wilder Kräuter. Bausünden wie zum Beispiel Hotels, Restaurants, Skilifte? Fehlanzeige im Nationalpark Gran Sasso. Dabei ist gerade das Hochplateau im Winter traditionell ein beliebtes Langlaufgebiet. Doch der Italiener fährt per Auto rauf, oder nimmt die einzige Bergbahn der Region ab Assergi. So stört nichts den freien Blick, den freien Lauf der Gedanken, während ich weiter auf einem geschotterten Weg in die weite Wildnis eintauche. Immer karger wird die Landschaft und ich kann gut verstehen, warum gerade diese 26 Kilometer lange und zehn Kilometer breite Region in den 1960er Jahren und frühen 70ern als ideale Kulisse für Italo-Western galt. Der Kult-Regisseur Sergio Leone war schon da, und einige Filme mit Bud Spencer und Terence Hill wurden hier gedreht.
Titel wie „Vier Fäuste für ein Halleluja“ spuken mir durch den Kopf. Wie passend, dass plötzlich Pferde über die Ebene galoppieren. Geht die Fantasie mit mir durch? Steigt mir jetzt doch schon die Sonne zu Kopf? Zum Glück weiß ich, dass es hier oben durchaus einige wilde Herden gibt. Sonst würde ich wohl doch stark an mir zweifeln. Trotzdem warte ich beim nächsten Luftzug fast darauf, dass das Knarzen eines verrosteten Blechschildes zu hören ist, wie es an Ketten hängend im Wind schwingt. Und wimmert nicht irgendwo im Nirgendwo dieser menschenleeren Gegend eine Mundharmonika? Nein, der Kult-Klassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“ wurde nun wirklich nicht hier gedreht. Trotzdem ist es in jedem Fall einer dieser Momente, in denen ich mir nur schlecht vorstellen kann, noch vor ein paar Stunden durch schmale Gassen gebummelt zu sein. Beim Zwischenstopp im verwinkelten Ort Stefano di Sessanio mit seinen unzähligen Treppchen fühlt es sich fast an, als wäre die Zeit stehen geblieben. Es ist ein ursprüngliches Stück Italien, fernab des Trubels an den Stränden der Adria. In den Abruzzen zeigt sich das Land als ein Ort, der jegliche Form von Genuss miteinander vereint. Die alten Kastelle, Kirchen und Museen sind eingebettet in die Landschaft, zeigen vollendete Harmonie von Kultur und Natur. Auch andere Filmemacher als Sergio Leone verstanden es, den mittelalterlichen Charme der Region für sich zu nutzen. Viele Aufnahmen für „Der Name der Rose“ mit Sean Connery entstanden in den Abruzzen.
Sie sind aber auch zu verführerisch, diese kleinen Bergdörfer, in denen die Häuser seit ewigen Zeiten wie Schwalbennester an den Hängen kleben. Und viele waren in früheren Jahrhunderten Sommerresidenzen der wohlhabenden Italiener. Auch Mitglieder der berühmten Medici-Dynastie aus Florenz zählten dazu, deren Familienwappen bis heute am Stadttor von Stefano di Sessanio zu sehen ist.
Damals, in der Renaissance, galt die Wolle der Schafe aus den Abruzzen noch als echtes Kapital. Und so kamen die Medici wahrscheinlich nicht nur der landschaftlichen Schönheit wegen und weil die Sommermonate in den Bergen kühler sind, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. Heute wirft die Schafzucht bei weitem nicht mehr so viel ab. Aber wie es mit alten Traditionen halt so ist – in den Abruzzen mag man davon einfach nicht lassen. Schließlich eignen sich Hänge und Hochebene auch zu und zu gut für die Haltung der Herden. Und wenn mit der Wolle auch kein großes Geld mehr zu machen ist, in Sachen Käse und Fleisch stehen die Produkte vom Schaf noch immer hoch im Kurs. Dazu ein gutes Glas vom rubinroten Montepulciano d’Abruzza trinken – ein herrlich trockener Wein! Ach ja, diese Italiener verstehen es eben, das Leben zu genießen, denke ich gerade, als mich ein grollendes Knurren aufschreckt. Vorsichtig schaue ich mich um. Es gibt ja nicht nur wilde Bergblumen, sondern auch wilde Tiere in den Abruzzen, zum Beispiel Bären. Aber eigentlich nicht hier, nicht auf dem Campo Imperatore. Und wo sind eigentlich die anderen? Dann höre ich es wieder – und breche in schallendes Gelächter aus: Was da knurrt bei der Schwärmerei über Essen und Trinken ist nur mein eigener Magen. Jetzt aber schnell zurück. Vielleicht kann ich beim Picknick noch kurz zugreifen, bevor es weiter Richtung Bominaco mit seiner benediktinischen Abtei Santa Maria Assunta geht. Kunst, Kultur, große Historie aus römischen Zeiten sind hier allgegenwärtig. Das Leben kann so herrlich einfach sein! Schade, dass die Region bei Urlaubern oft ein stiefmütterliches Dasein fristet, denke ich, während ich in den Bus steige. Denn in seiner Vielfalt sind die Abruzzen ein echter Geheimtipp und ganz und gar nicht hinterwäldlerisch.
Schon zu Beginn der Reise beeindruckt mich die Costa dei Trabocchi. Von den Römern Golf der Venus genannt, verdankt die Küste ihren heutigen Namen der Art des Fischfangs. Denn dort hängen von Felsklippen sogenannte Trabocchi wie schwebend über dem Meer und garantieren die dicksten Fänge. Einzigartig clever, fand auch die UNESCO, stellte den ganzen Abschnitt mit seinen Buchten und ans Wasser reichenden Feldern kurzerhand unter Schutz. Und auch Sulmona, nicht nur reich an Kunst, sondern legendär für sein Konfetti. Wer dabei allerdings an Fasching oder bunte Papierschnipsel aus dem Locher denkt, liegt vollkommen daneben. Konfetti, das sind mit Zucker überzogene Mandeln – und die Rezeptur dafür wurde nicht wie so vieles andere von den Schweizern erfunden, sondern hier. Schon wieder so ein Punkt, bei dem ich mit meinen Gedanken ins Kulinarische abschweife. Vielleicht liegt es daran, dass ich beim Picknick nicht einen Wurstzipfel von der herrlich pikanten Ventricina-Salami abbekommen habe. Allerdings ist die Stadt nicht nur für ihre Mandeln berühmt, sondern ebenso als Geburtsort des Dichters und Denkers Ovid. Er lehrte, dass Liebe keine Technik, sondern Kunst ist. Ja, sicher, eine wichtige Erkenntnis, aber – Scusi! – bei mir geht die Liebe einfach auch durch den Magen. Vor allem bei meiner Zuneigung zu den Abruzzen. Und ich gestehe, mittlerweile kann ich die Ankunft in Giulianova kaum noch erwarten: Abendessen mit gegrillten Lammspießchen, Tomatensalat und auf frisches Brot geträufeltes Olivenöl. Besseres als aus den Orten San Giovanni Theatino und Moscufo gibt es schließlich in ganz Italien nicht. Das Leben in den Abruzzen kann so einfach sein – und damit doch so unendlich reich.
Reiseangebot

Beste Reisezeit: April bis Juni, Sept./Oktober.
Klima: An der Küste ist das Klima maritim. Die Durchschnittstemperatur im Sommer: 22 °C. Im bergigen Hinterland ist es deutlich kühler, der Schnee hält sich bis in den Frühling.
Sprache: Italienisch.
Zeit: MEZ.
Geld: Euro.
Dokumente: Personalausweis.
Gesundheit: Die Gesundheitsversorgung ist gut. Ein Krankenhaus gibt es z.B. in Pescara. Abgedeckt werden mögliche Behandlungskosten durch die Europäische Krankenversicherungskarte.
Essen & Trinken: Die Küche der Abruzzen ist bekannt für „Mare e Monti“ – die Kombination von Speisen aus Meer und Bergen. Typische Erzeugnisse der Region sind Wein, Olivenöl, Safran, roter Knoblauch aus Sulmona, Trüffel, Honig, Hülsenfrüche (Linsen, Saubohnen), Käse, Wurst.
Restaurants: Il Bacucco d‘Oro, Via del Pozzo 8, Mutignano di Pineto. Rustikales Restaurant mit leckeren lokalen Gerichten.
Sehenswert: 133 km Küste bieten genug Abwechslung am Strand. Pescara: Am Hafen kann ein Trabucco (ein Pfahlbau zum Fischen) besichtigt werden. Eine bekannte Pilgerstadt der Region ist Manoppello. Giulinova, ein beliebter Badeort mit schöner Promenade und Yachthafen: Duomo di San Flavio, Palazzo Belvedere. Der Nationalpark Gran Sasso umfasst zwei Bergketten mit herrlicher Natur. Sehenswerte Orte: L’Aquila, Sulmona, Chieti, Teramo, Castelli. Aktivitäten: Trekking, im Winter Ski.
Unbedingt machen: Ausflüge ins Hinterland machen, Dorf- und Volksfeste besuchen.
Unbedingt vermeiden: Falsch bekleidet sein. Auch wenn man eben noch im Bikini am Strand gelegen hat, kann es in den Bergen sehr kühl sein.
Beliebte Mitbringsel: Lebensmittel der Region, Majolika-Kunst (bemalte Keramik) aus Castelli. Filigraner Schmuck aus Gold und Silber wie die bekannten Presentosa-Anhänger. Artikel aus Kupfer und Schmiedeeisen. Bekleidung und Textilien, z. B. bunte Wolldecken. Leder, Korb- und Flechtwaren.
Literatur: „Dumont Kunst Reiseführer Abruzzen, Molise: Romanische Abteien, trutzige Kastelle und Barockkirchen zwischen Hochgebirge und Adriaküste“ von Roger Willemsen u.a. (2006), 25,90 €.
Auskünfte: Vivere Italia By Turismo & Dintorni, Tel. +39.085.834614, info@turismoedintorni.com, www.turismoedintorni.com. Die Agentur, in der Tiziana Mergiotti perfekt deutsch spricht, verfügt über ein Netz von besten Kontakten zu Hotels, typischen Restaurants, Agriturismen jeglicher Art und kann individuelle Einzel- und Gruppenreisen sowohl an der Küste als auch im Gebiet der drei Nationalparks der Region arrangieren.
Reiseinformationen
Italien einmal anders – das bieten sieben Tage Abruzzen pur. 1. Tag: Entdeckungstour durch Alba Fucens, 700 Jahre v. Chr. gegründete Stadt mit Amphitheater, Gefängnis, Thermen, Villen und Tempeln, heute bedeutendste Ausgrabungsstätte der Region. 2. Tag: Besichtigung der wunderschönen Kunststadt Lanciano, nachmittags Fahrt an die Costa dei Trabocchi mit ihren einzigartigen Fischfang-Pfahlbauten. 3. Tag: In Sulmona auf den Spuren des römischen Dichters Ovid wandeln († 17 n. Chr.), später in Anversa degli Abruzzi beim Käsemachen und Kunsthandwerken zuschauen. 4. Tag: Spaziergang durch das vorrömische Campli mit seiner wechselvollen Historie. 5. Tag mit großem Programm: Fahrt durch den Nationalpark Gran Sasso inkl. des „magischen“ Campo Imperatore, der berühmten Italo-Western-Kulisse. Besuch des mittelalterlichen Santo Stefano di Sessiano und der benediktinischen Abteil Santa Maria Assunta (11./12. Jh.) und des Oratoriums. Fahrt zur Ausgrabungsstätte der Römerstadt Peltuinum. In Civitaretenga Besichtigung der Safran-Produktion. 6. Tag: Besuch von Civitellla del Tronot und seiner Festung sowie der Renaissance-Stadt Atri an der Küste. 7. Tag: Zwischenstopp in L‘Aquila, Hauptstadt der Abruzzen, und Transfer zum Flughafen. Preis: Ab ca. 396 € p. P. (außer Juli/Aug.) für 6 x Ü in komfortablem DZ (Hotel Europa***S Best Western) zzgl. diverser Mittagessen und Imbisse während der Ausflüge, Transfers, Eintritts- und Trinkgelder. Information und Buchung
Fotos: ENIT
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