Auf dem Frachtschiff

Hamburg

von Barbara Leuschner

Kreuzfahrtdampfer oder Frachtschiff? Das klingt wie die Frage nach Sekt oder Selters. Denn mit ­Sicherheit wird niemand, der den Luxus eines Traumschiffs schätzt, auf die Idee kommen, mit ­einem ­Arbeitsschiff über die Meere zu ­schippern. Um 70 Tage auf einem Frachtschiff zu verbringen – den schweren Geruch von ­Maschinenöl in der Nase – und hart arbeitenden Kerlen über die Schulter zu schauen. Aber was ist es, das diese Art zu reisen immer beliebter macht? Liegt es nur an den Kosten, die mit ca. 100 Euro pro Tag für Unterkunft und volle Verpflegung in einer weitaus geräumigeren Kabine – sorry, hier heißt es Kammer – um ein Vielfaches geringer sind? Wird das nicht schnell langweilig, so gänzlich ohne Animation und Ausflugs­angebote? Und wie viele Gäste sind ­eigentlich bei einer Reise auf dem Frachtschiff an Bord? Fragen über ­Fragen, die ich mir stelle und auf die ich nur eine zufriedenstellende Antwort erhalte, indem ich eine solche Reise antrete. „Die CMA CGM VELA ist unser ­größtes Schiff“, erklärt man mir im Reisebüro der Reederei NSB, wo man wohl gespürt hat, dass ich an ­meiner Seefestigkeit zu zweifeln beginne, je näher der Termin rückt, an dem ich mein Vorhaben in die Tat ­umsetzen will. Es ist schon eine tolle Route, die das Schiff fährt: von Hamburg bis nach Shanghai und Hongkong und zurück – und das in 70 Tagen. Eigentlich kann sich ja solch eine lange Tour nur ein Ruheständler erlauben. Vielleicht sollte ich vorgeben, die Zeit für die Fertigstellung eines Romans zu benötigen? „Sie können natürlich auch nur eine Teilstrecke mitfahren und ­zurück fliegen“, bietet der freundliche Herr im Reisebüro mir an. Der traut mir wohl keinen Bestseller zu! Okay. Wenn schon, denn schon – ich buche die gesamte Tour. Und dann ist erst einmal Bürokratie angesagt: Visa von mindestens sechs Monaten Gültigkeit ­beantragen, ein Gesundheitsattest beibringen, denn es befindet sich kein Arzt an Bord. Gegen Gelbfieber impfen lassen, sonst komme ich nicht durch den Suezkanal. Beim Studieren der Reiseunterlagen wird mir auch klar, dass ich ein Containerschiff betreten werde: „Anweisungen des Kapitäns befolgen … nur mit Erlaubnis des Kapitäns … Landgang kann untersagt werden“. Mannomann, hoffentlich ist der Kapitän ein Netter!

Bereits bei meiner Ankunft am Burchardkai im Container-Terminal des Hamburger Hafens merke ich: Die Jungs haben die Ruhe weg. Natürlich bin ich mal wieder spät dran, aber hier kommt keinerlei Hektik auf. Ein Bus bringt mich zum Schiff, mit eigenem Pkw darf man nicht ins Terminal. Und wo ist das Schiff? Ich sehe nur Container, Kräne, Laster und dann … oh, mein Gott, ist das riesig! Bei 347 Metern Länge und 45 Metern Breite kann ich Anfang und Ende gar nicht erkennen. Freundlicherweise wird mir mein Koffer an Bord getragen, denn die ­steile Gangway mit den gewöhnungsbedürftigen Stufen hat es in sich. Oben werde ich von Chief Mate Wölms begrüßt. Das ist der erste Mann nach dem Kapitän. Und ein ­Stewart bringt mich zu meiner Kammer, die wirklich doppelt so groß ist wie das, was ich als Doppelkabine von tl_files/contao-ready-theme/content/reportagen/frachtschiffreisen/nsb_schiff-Vela_311.jpgKreuzfahrtschiffen kenne. Endlich mal ein Bad, in dem man beim Umdrehen nicht alles gleich aus den Regalen fegt. Ein schönes Zuhause habe ich da für die nächsten zwei Monate: „Mittschiffs, Ausblick voraus“. Ist ja halt auch die „Eignerkabine“. Erst ein paar Tage ­später erfahre ich, dass meine Kammer mit 20 Quadratmetern noch zu den kleinsten gehört und alle Passagier­kabinen auf diesem Schiff „Eigner­kabinen“ heißen. Abgesehen von der deutschen Führungscrew – Captain, 1. Offizier, Chief Engineer und Techniker – fährt die VELA mit philippinischer Besatzung. Bordsprache ist Englisch. Und nun zeigt mir Captain Feirer sein Schiff. Zumindest von innen. Denn während draußen noch ständig Ladung auf­genommen wird, ist eine Landratte wie ich nicht gern an Deck gesehen. Den Fahrstuhl kenne ich ja schon. ­Allerdings werden die Treppen meine kleine Fitness-Übung für die kommenden Tage sein. Neben der Offiziers­messe, in der auch ich speisen werde, gibt es eine Messe für die Crew. Fitness­raum, Sauna und ein Schwimmbad sind ebenso vorhanden. Letzteres wird mit Meerwasser gespeist, ist bei der Elbwasser-Plörre hier natürlich leer. Die Brücke, Captain Feirers Reich, ist mächtig spannend. Von dort kann ich endlich sehen, wie riesig dieser Kahn ist. ­Jederzeit dürfe ich hier erscheinen, sagt Feirer. Nur das Klopfen nicht vergessen. Sonst könnte der plötzliche Lichteinfall den Wachhabenden irritieren. Na, klingt ja alles schon viel lockerer als in meinen Reiseunterlagen.

So, jetzt möchte ich aber, dass es losgeht. Wir sollten längst auslaufen, aber es wird noch immer Container über Container gestapelt, von Kränen, die sich wie schwebende Ballerinen im Walzertakt bewegen. Im Flutlicht. Es wird allmählich spät. Und so kommt es, dass ich das Auslaufen aus heimatlichen Ge­filden gepflegt verschlafe. Frühstück um 7.30 Uhr. Nicht un­bedingt meine Zeit, aber ich möchte gern sehen, wer sonst noch so mitfährt. Da ist ein nettes Ehepaar, das ebenfalls die gesamte Route abfährt, und ein ­allein reisender Herr, der uns in Khor Fakkan (Vereinigte Arabische Emirate) verlassen wird, um von dort aus auf dem Landwege weiterzureisen. Alle drei haben schon etliche Fahrten mit Frachtschiffen gemacht und wissen spannende Geschichten zu erzählen. Das Frühstück ist im Übrigen köstlich – einfach zwar, aber mit warmen ­Speisen, die vom philippinischen Koch raffiniert gewürzt wurden. Um 11.30 Uhr gibt es übrigens schon wieder was zu futtern, um 15 Uhr Kaffee und um 17.30 Uhr Abendessen. Dazwischen zeigen mir meine drei erfahrenen Seebären, die ich beim Frühstück getroffen habe, das Schiff. Heute sind wir den ganzen Tag auf See. Es herrscht richtiges „Schietwetter“, und so kann ich nur erahnen, wo meine Lieblingsplätze sein werden, an denen ich später stundenlang die Delfine ­beobachte. Eins weiß ich aber jetzt schon: Von Seegang ist auf der VELA kaum etwas zu spüren. Schon am Ende des ersten Tages auf großer Fahrt wird mir klar, dass die ­Bekanntschaften, die man hier macht, weitaus intensiver sind als auf einem „Chicken Vessel“ (Hühnerboot), wie die Seeleute über die Luxusliner zu ­lästern pflegen. Wir haben viel Zeit zu plaudern, wobei die Regel, dass die Kammertür tagsüber offen gelassen wird – es sei denn, man möchte nicht gestört werden –, äußerst hilfreich ist. Morgens, mittags und abends verschlägt es die Männer immer wieder auf die Brücke, um dem Kapitän über die Schulter gucken. Ich genieße mehr die Ruhe, das ­Faulenzen, Lesen. Den imposanten Schiffs-Stau vor Rotterdam kann ich mir auch von meiner Kammer aus ansehen …

Mein erster Landgang steht bevor.Jetzt wird es spannend, denn Rotterdams Containerhafen liegt 25 Kilometer außerhalb der City. Ordnungs­gemäß melde ich mein Begehren bei Herrn Feirer an, der mir einen Gratis-Transport von einem freundlichen holländischen Fotografen organisiert. Pflicht beim Landgang ist es, sich strikt an die vereinbarte Rückkehrzeit zu halten und ein Handy bei sich zu tragen. Es kann durchaus sein, dass das Schiff früher als geplant ausläuft. Immerhin darf ich hier von Bord. Es gibt auch Liegezeiten, die so kurz sind, dass niemand das Schiff verlassen darf – selbst wenn die schönste Stadt zum Greifen nahe ist. In Rotterdam mache ich eine Stadtrundfahrt mit Splashtours, einem ­Amphibienfahrzeug, das sich am alten Hafen von der Straße spektakulär in die Fluten zu einer kleinen Hafenrundfahrt stürzt. Den Rückweg zum Schiff muss ich allein meistern, und ich schaffe es tatsächlich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis zum Gate zu gelangen. Aber noch bin ich meilenweit vom Schiff entfernt und zu Fuß darf sich eine Privatperson nicht ohne ­Weiteres im Terminal bewegen. Was tun? Die Wachleute am Tor deklarieren mich als „wichtiges Dokument“ für die VELA und fahren mich zum Schiff. Na, war doch gar nicht so schwierig …! Am Abend zeigt mir Herr Kellner, der Leiter der Maschinenanlage, das Herz des Schiffes: den Maschinenraum. ­Gigantisch! Hier erfahre ich Spannendes: von Reparaturen, die auf See anfallen und von den Maschinisten selbst ausgeführt werden müssen. Oder dass Herr Kellner und seine ­Kollegen für die max. 700 Kühlcontainer unter den insgesamt 11.000 TEU (20‘ Containereinheiten) zuständig sind. Wenn da was mit der Kühlung nicht stimmt, kann das ganz schön teuer werden für die Reederei. Später, auf der Brücke, werde ich Zeuge eines spektakulären Hubschrauber-Manövers. Der Hafenlotse wird von Bord abgeholt. Es ist schön, hier oben zu sitzen, den Blick bei einem Becher Kaffee über das Wasser schweifen zu lassen. Der Anblick des Radarschirms macht mich allerdings ein bisschen nervös. Was man da alles beachten muss in der Kursberechnung, und wie rücksichtslos so mancher Bananendampfer die Fahrwege kreuzt! Das ist nichts für meine schwachen Nerven. Auch so manche Wendemanöver in den Häfen treiben mir den Schweiß auf die Stirn. Die VELA ist halt ziemlich groß, da haben die Schlepper viel zu tun.

Nach Le Havre, wo die Hafenarbeiter streiken, erreichen wir irgendwann Malta. Was zünftig mit einem Grillfest und zwei Spanferkeln für alle Crewmitglieder, Passagiere und Offiziere in warmer Meeresbrise an Deck gefeiert wird. Und als wir am 14. Tag der Reise am Suezkanal eintreffen, hat sich die Ruhtl_files/contao-ready-theme/content/reportagen/frachtschiffreisen/nsb_shanghai_311.jpge und Gelassenheit der Mannschaft voll auf mich übertragen. Ich fühlte mich lange nicht mehr so entspannt. Der Suezkanal. Die Passage durch die 162 km lange Wasserstraße, unter Seeleuten auch „Marlborough Channel“ genannt, da sich die örtlichen Lotsen und andere Beamte ihre Dienste zusätzlich mit Zigarettenstangen be­zahlen lassen, ist atemberaubend. Im Konvoi geht es vorbei an wüstenähn­lichen Landstrichen auf der Sinai-Seite, während man am ägyptischen Ufer Bewässerungsanlagen für Felder sieht. Die Größe der VELA erweckt den Eindruck, wir würden über Wüstensand schippern. Man sieht das Wasser gar nicht mehr. Jetzt sind wir in Asien. Ab Khor ­Fakkan liegt eine lange Seepassage vor uns – bis Port Kelang, dem größten Seehafen Malaysias. Es folgen diverse chinesische Häfen und schließlich Shanghai, der entfernteste Punkt unserer Reise. Die vorgelagerte Inselwelt ist wunderschön. Und: Die Offiziere ­laden mich zum Landgang ein. Zusammen mit dem Kapitän. Das gibt ­Sicherheit. So lange der nicht an Bord ist, kann die VELA auch nicht ablegen. Gegen Mitternacht erreichen wir Hongkong. Auch um diese Zeit herrscht im Hafen reger Betrieb, aber die Lade- und Löschvorgänge kenne ich ja inzwischen. Hongkongs Hafen wird ­umrahmt von einem Lichtermeer aus Hochhäusern, Geschäftstürmen und Vergnügungsmeilen. Ein wirklich faszinierender Anblick. Vor diesem ­Panorama schiebt sich die VELA ganz langsam ins Hafenbecken. Und wie immer erfolgt das Anlegen mit größter Ruhe und völlig entspannt. Beinahe wehmütig denke ich daran, dass meine Reise bald ein Ende hat. Ich werde sie alle sehr vermissen: die Offiziere, die Crew, die Mitreisenden. Aber die Gelassenheit – die nehme ich mit!

Reiseangebot

tl_files/contao-ready-theme/content/reportagen/frachtschiffreisen/nsb_frachtschiffreisekarte-c-JR.jpgDirekt vom Hamburger Burchardkai geht die Reise los: über Rotterdam, Le Havre und Malta, durch den Suezkanal, nach Shanghai und Hongkong und retour nach Hamburg. Ca. 70 Tage hat die Reederei NSB für den Törn auf der „CMA CGM VELA“ eingeplant. Komfort inklusive: TV- und Aufenthaltsraum, Schwimmbad und Fitnessraum. Preis: ab ca. 6.300 €. Beispiel: 90 € pro Person und Tag in der Einzelkabine (Kategorie C: ca. 20 qm); ab ca. 100 € pro Person und Tag in der Eignerkabine (Kategorie D: ca. 42 qm mit Bad und Ausblick voraus). Infos und Buchung: NSB Reisebüro GmbH/Frachtschiff-Touristik, Violenstr. 22, 28195 Bremen, Tel. 0421/33 88 0-20, www.nsb-reisebuero.de; siehe auch "Info & Buchung"


Reiseinformationen

Beste Reisezeit: Ganzjährig. Bitte beachten, dass die See im Herbst-und Winter rau werden kann.

Klima: Es werden verschiedene Klimazonen durchfahren – vom Klima Mitteleuropas über heißes Wüstenklima in Ägypten bis zum subtropischen Klima in China.
Sprache: Die Bordsprache ist Englisch. Kapitäne und Offiziere sprechen in der Regel Deutsch.
Zeit: Man reist durch mehrere Zeitzonen. Ägypten MEZ plus 1 Std., China MEZ plus 7 Std.
Geld: Bordwährung sind Euro und Dollar (nur in bar). Geld kann nicht an Bord getauscht werden.
Dokumente: Reisepass, der noch mindestens 6 Monate gültig ist. Vor Reiseantritt muss der Reisende sich alle nötigen Visa selbst besorgen. Dabei sollte man angeben, dass man auf einem Frachtschiff reist – die Bestimmungen sind dann teilweise anders. Außerdem braucht man ein ärztliches Attest, das nicht älter als drei Wochen ist.
Gesundheit: An Bord gibt es eine Apotheke, aber keinen Bordarzt. Bei Reisen durch den Suezkanal gültige Gelbfieberimpfung nötig.
Essen & Trinken: Es gibt feste Essenszeiten an Bord. Frühstück meist bereits um 7.30 Uhr, Mittagessen gegen 12 Uhr und Abendessen ab 17.30 Uhr. Zube­reitet werden die Mahlzeiten von einem philippinischen Koch, der Seemannskost und asiatische Gerichte zubereitet. Ab und zu wird an Deck ein Barbecue veranstaltet.
Restaurants: Auf dem Schiff speisen die Passagiere am Tisch des Kapitäns in der Offiziersmesse.
Sehenswert: Hamburg rund um Hafen und Elbe: Speicherstadt, Hafencity, St. Michaelis-Kirche („Michel“). Zeebrügge, beliebter Badeort in Belgien: Hafen und Strand. Rotterdam: Hafen, der größte Europas: Kop van Zuid – modernes Viertel im Hafen, Het Witte Huis - UNESCO Weltkulturerbe, historischer Delfshaven. Le Havre: Die Kirche Saint-Joseph, Abtei Graville, Musée Malraux, Kathedrale Notre Dame. Malta: Hauptstadt Valetta. Suez: Suez-Kanal. Hongkong: Victoria Peak – Berg mit toller Aussicht auf die Stadt, Wong Tai Sin Tempel, Clock Tower, Western Market, Night Market, Tian Tan Buddha – große Buddha-Statue. Shanghai: Jade Buddha Temple, der Bund – bekannte Flaniermeile, Yu Yuan Garden, Xintiandi – modernes Stadtviertel, People‘s Square und das Shanghai Museum. Aktivitäten an Bord: Sauna, Fitnessraum, Meerwasserschwimmbad.
Unbedingt machen: Wind- und wetterfeste Kleidung sowie rutschfeste Schuhe ins Gepäck.
Unbedingt vermeiden: Kreuzfahrt erwarten. Die Reise erfolgt auf einem Containerschiff – hier wird in erster Linie gearbeitet. Es gibt kein Animationsprogramm und die Freizeitmöglichkeiten sind begrenzt.
Beliebte Mitbringsel: Landestypische Souvenirs von den einzelnen Stationen, Bekleidung, Schmuck.
Literatur: „Frachtschiffreisen – Als Passagier an Bord“ von Peer Schmidt-Walther (2010), 24,90 €. „Kreuzfahrt einmal anders: Mit 6750 Containern über den Atlantik“, DVD 2009, 19,95 €.

 

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