Cannes

Der Tanz um die „Goldene Palme“

von Brigitte Eilert-Overbeck

Foto

Cannes ist voll. Übervoll. Auf der Croisette, der berühmten Promenade, wogen Menschen­trauben durcheinander. Anzeichen von Hektik und Terminstress vor allem bei jenen, die eine Karte, einen so genannten „Badge“ um den Hals ­hängen haben: akkreditierte Journa­listen, Leute aus der Filmbranche, professionelle Beobachter. Rings­herum Volksfestatmosphäre, Lachen, Musik. Kichern und Kreischen am Strand, wenn mal wieder ein Fotograf spärlichst bekleidete junge Damen ablichtet. Kreischen und Kichern, wenn sich kein Objektiv rührt. „Regardez!“–„Have a look!“ – „Shoot me!“ Und reihenweise fallen Bikinioberteile in den weißen, feinen Sand … „Sie versuchen es immer noch,“ lacht Robert, Freund und Gastgeber aus dem nahe gelegenen Antibes. „Wie damals in den 50er Jahren.“ Brigitte Bardot posierte 1953 im Bikini am Strand, eröffnete den Reigen der knapp bekleideten Strandschön­heiten. Filmsternchen Simone Silva ging 1954 einen Schritt weiter und entledigte sich vor der versammelten Fotografen-­Meute ihres Bikinioberteils, bevor sie sich Superstar Robert Mitchum in die Arme warf. Geholfen hat es ihr letztlich ebenso wenig wie den ausziehfreudigen Nachfolgerinnen. „Aber so haben alle was zu gucken, nicht nur die Filmleute,“ stellt Robert klar.

Zu gucken gibt es reichlich im Festspielpalast, hier respektlos „Bunker“ genannt: Jede Menge Filme aus aller Welt. Sie konkurrieren vor einer jedes Jahr neu berufenen Jury um Preise wie die „Goldene Palme,“ den „Großen Preis der Jury,“ den „Spezialpreis“ und andere Auszeichnungen. Oder sie ­stehen einfach im Wettbewerb um Marktanteile. Jeder Kino-Liebhaber würde jetzt gern in Vorführräumen Platz nehmen und die eine oder andere Premiere ansehen, doch uns geht es wie dem Hund vorm Lebensmittelladen: Wir müssen leider draußen bleiben. Ins Kino kommt man nur auf Einladung und mit Akkreditierung. Türsteher passen auf, dass sich kein Branchenfremder einschleicht. Dafür können wir genüsslich beobachten, welche Stars und Prominente über den roten Teppich die Treppe zum Festivalpalast emporsteigen. Könnten – wenn uns nicht ein ganzes Heer von Fotografen immer wieder die Sicht versperrte. Sie machen halt ihren Job. Andere Zaungäste des Festivals haben buchstäblich bessere Aussichten, aber sie mussten sich dafür auch ganz schön anstrengen: die so genannten Cannes-Groupies. Ein paar Hundert meist älterer Hobby-Fotografen, Fans und Autogrammjäger, haben die ganze Nacht lang gewartet, bis am frühen Morgen der Festivaleröffnung die Absperrzäune vor dem roten Teppich aufgebaut wurden, um dann ihre Klappstühle und Leitern mit Fahrradschlössern an diese Zäune zu ketten. Einige konnten sich direkt vor dem Eingang des Palastes platzieren. Nun haben die „Groupies“ prima Plätze, die sie – inzwischen eine verschworene Gemeinschaft – für einander ­bewachen. Manche sammeln Autogramme und fotografieren nur zum eigenen Ver­gnügen, andere veranstalten mit ihrer Ausbeute Ausstellungen und spenden den Erlös für einen guten Zweck, „Ist ein schönes Hobby,“ sagt einer von ihnen, „und man kommt mit netten Leuten in Kontakt.“

Die „Gimageroupies“ sind beschäftigt, denn mittlerweile schreiten immer mehr Stars über den roten Teppich. Habe ich einen Blick auf Catherine Deneuve ­erhascht? War das eben Isabelle ­Huppert? Javier Bardem? Julianne Moore? Die unvermeidlichen Hilton-Schwestern? Und so viele, die ich nicht kenne. So viele festliche Roben – manche schrill, manche gewöhnungsbedürftig, manche einfach schön, lässig und elegant. Funkelnder Schmuck, vermutlich nicht von Swarowski. Der Genfer Juwelier Chopard, der auch die Trophäen wie die „Goldene Palme“ gestaltet, leiht seinen Kundinnen gern teure Juwelen aus. Ja doch, Cannes hat Glamour. Und auf der Rue d’Antibes jede Menge Designer-Shops. Wir überlassen sie den Schönen und Reichen und genießen unser Stückchen vom Cannes-Glamour bei einem Café au Lait auf der Terrasse des berühmten Carlton-Hotels, wo wir uns, von Sonne und freundlicher ­Bedienung verwöhnt, selbst wie Stars fühlen. Das Hotel hat sie wohl alle mal beherbergt: Cary Grant, Rita Hayworth, Tyrone ­Power, Ingrid Bergmann, Romy ­Schneider. Zu Zeiten der Belle Epoque war das „Carlton“ Winter-Residenz für betuchte Angehörige des internationalen Adels. Die hatten die Côte d’Azur mit ihren milden Wintern gegen Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt und schließlich Städte wie Nizza und Cannes zu den ersten internationalen Touristenorten überhaupt gemacht. Bleibt die Frage: Wie konnte Cannes für den internationalen Film zu einer so wichtigen Adresse werden? „Es ist ja nicht nur Cannes,“ philosophiert unser Freund Robert, „es ist die ganze Côte d’Azur. Sie hat nicht nur Filmleute in­spiriert.“ Das tiefblaue Meer, die laue Luft mit ihren tausend Düften und ­immer wieder dieses unvergleichliche Licht – all das lässt auch vor dem inneren Auge jede Menge Bilder entstehen. Gustave Thuret, Botaniker aus Paris, hatte seinen eigenen Film im Kopf. Er wollte das Gebiet in einen exotischen Garten Eden ver­wan­deln mit Kakteen, Palmen, Zypressen, Eukalyptus- und Mimosenbäumen. Thuret begann, von den Einheimischen skeptisch beäugt, auf dem Cap d’Antibes entsprechende Zuchten anzulegen. Heute gehört ­diese Vegetation ganz selbstverständlich zur Côte d’Azur, wie Orangen, Zitronen, Aleppo-Kiefern und Olivenbäume.

imageAuf die Magier der Bilder hat der ­Zauber der Côte d’Azur von jeher besonders gewirkt. Zum Beispiel auf ­Pablo Picasso, der in den 40er Jahren eine Zeitlang sein Atelier in Antibes hatte und der Stadt gut 200 seiner ­Werke vermachte. Im Musée Picasso können wir sie – neben Werken an­derer Künstler wie Fernand Léger, Amadeo Modigliani oder Max Ernst ­bewundern. Und anschließend das blaue Meer bei einem Spaziergang auf der Uferpromenade. Ganz großes Kino mal wieder. Robert entführt uns in die Altstadt von Cagnes-sur-Mer: In einem Olivenhain liegt das Haus des ­Impressionisten Auguste Renoir, heute ein kleines, ­liebevoll gepflegtes Museum mit viel Atmosphäre und einem wunder­schönen Garten. Fast wünschen wir uns, unsere Eindrücke selbst mit ­Pinsel und Farbe weitergeben zu können. Weiter geht es nach St-Paul-de-Vence. Kann es einen malerischeren Flecken geben als dieses auf Hügeln gelegene Dorf mit seinen winkligen Gassen und der gut erhaltenen Stadtmauer aus dem 16. Jahrhundert? Ein Wunder, dass die Künstler es erst in den 1920er Jahren entdeckt haben. Kein Wunder hingegen, dass sie hier alle ihre Spuren hinterlassen haben: Picasso, Braque, Miró, Chagall und viele mehr. In der Foundation Maeght, einer der bedeutendsten privaten Kunstgalerien der Welt, sind sie alle versammelt und großartig präsentiert. Der würdige ­Abschluss für den Galeriebesuch: Ein wenig Besinnung in der kleinen ­Kapelle des Heiligen Bernhard mit ihren ­wunderschönen Glasfenstern von Georges Braque und Raoul Ubac. „Und hier laufen die Fäden von ­Malerei und Filmkunst zusammen,“ sagt Robert und zeigt uns „La Colombe d’Or“, das legendäre Restaurant mit seinem herrlichen Garten gleich am Ortseingang von St-Paul-de-Vence. Braque, Chagall, Miró und vielen anderen Malern hat die „Goldene Taube“ als Herberge gedient. Ihre Wände sind geschmückt mit den Originalen der Künstler, oftmals Bezahlung für Kost und Logis. Frankreichs Kinolegenden Yves Montand und Simone Signoret haben sich auf der Terrasse der „Taube“ kennen gelernt, und seit den 50ern suchten hier viele Teilnehmer der ­Filmfestspiele von Cannes wenigstens für kurze Zeit ein bisschen Ruhe vor dem Trubel an der Küste. Charlie Chaplin kam, Lino Ventura spielte mit Yves Montand Boule. Sophia Loren, Liz ­Taylor, Gina Lollobrigida, Orson ­Welles, Romy Schneider, Alain Delon, Sean ­Connery, Jean Paul Belmondo – legendäre Namen aus der ganz großen Zeit des Kinos. Aber auch die Stars von heute lassen sich ihre kleine Auszeit am Dorfplatz nicht nehmen, auch wenn es da nicht mehr ganz so beschaulich zugeht wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Elton John war da, Regie-As Quentin ­Tarantino auch, Tim ­Burton – und so manche, die ihren Namen ­lieber nicht genannt wissen wollen. Irgendwie kommen mir doch einige Gesichter hinter riesigen Sonnenbrillen ziemlich bekannt vor …

Reiseangebot

imageBeste Reisezeit: Die Nebensaison. Im Sommer ist die Côte d‘Azur völlig überlaufen.
Klima: Mediterran. Die Côte d’Azur ist für ihr wunderbares und fast immer sonniges Klima bekannt. Die Temperaturen sind das ganze Jahr über sehr angenehm. Im Winter betragen sie durchschnittlich etwa 13 °C. Im Sommer klettert das Quecksilber selten deutlich über 30 °C.
Sprache: Französisch.
Zeit: MEZ.
Geld: Euro.
Dokumente: Personalausweis.
Gesundheit: Die Behandlung durch einen Arzt wird von der Europäischen Versicherungskarte abgedeckt und die Kosten für eine Behandlung damit erstattet. In der Regel muss eine Behandlung vor Ort aber zunächst bar bezahlt werden.
Essen & Trinken: Sonnengereiftes Gemüse, Oliven, Knoblauch und natürlich die frischen Kräuter der Provence wie Thymian, Rosmarin, Salbei und Lorbeer sind die Hauptzutaten der provenzalischen Küche. Die klassischen Gerichte sind Bouillabaisse (Fischsuppe) und Ratatouille (geschmortes Gemüse). Fleisch vom Camargue-Stier gilt als Delikatesse. Leckere Backwaren für zwischendurch sind Pissaladière (Zwiebelkuchen mit Sardellen und Oliven), Fougassette (Hefeteigfladen mit Orangen-blütenaroma), Tarte tropézienne. Als Aperitif wird gern ein Pastis getrunken.
Restaurants: Das „Aux Bons Enfants“, 80, rue Meynadier bietet eine sehr gute provenzalische Küche und Fischgerichte.
Sehenswert: Die berühmte Flaniermeile „Boulevard de la Croisette“; das Festspielhaus; der Friedhof Cimetière du Grand Jas, die letzte Ruhestätte von Berühmtheiten wie Martine Carol und Klaus Mann. In der Umgebung: Grasse, bekannt für die Parfüm-herstellung; Nizza: Promenade des Anglais, die russisch-orthodoxe Kathedrale St. Nicolas, Hotel Negresco, das Museum für Zeitgenössische Kunst; Antibes: Musée Picasso mit Gemälden und Skulpturen des bekannten Malers, die Strandpromenade, der legendäre Badeort St. Tropez.
Unbedingt machen: Einen Ausflug auf die Insel Sainte Marguerite unternehmen.
Unbedingt vermeiden: Cannes, St. Tropez und Antibes in der Hochsaison besuchen.
Beliebte Mitbringsel: Sandales tropéziennes. Die angesagten Schuhe bekommen Sie in der Rue Clémenceau in St. Tropez, Parfüm aus Grasse, Liköre und Kräuter der Provence.
Literatur: Marco Polo Reiseführer „Côte d‘Azur/Monaco“, 9,95 €.
Auskünfte: Maison de la France, Zeppelin­allee 37, 60325 Frankfurt. Tel. 0900/157 00 25, www.franceguide.com.

Reiseinformationen

Zentral gelegen, nahe der eleganten Einkaufsstraße Rue d‘Antibes und nur fünf Gehminuten von der Strandpromenade entfernt befindet sich das „Quality Hotel Embassy“. Das 4-Sterne Haus der gehobenen Mittelklasse verfügt über Restaurant, Bar, Terrasse und Außenpool sowie über 60 geräumige, renovierte Zimmer mit TV, Klimaanlage, Fön und Safe. Preis: Dertour bietet eine Übernachtung für 57 € pro Person im Doppelzimmer an.

Fotos: Palais de festivals et des congrès de Cannes; Atout France

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