Indien
Höchst erotische Tempelkunst
von Regina Fischer-Cohen
"Bereit für Sex in the City?“, lächelt Sajith mit spitzbübischem Augenzwinkern. Zwei Tage mit dem Naturforscher der Pashan Garh Lodge gemeinsam auf Safari – das schweißt zusammen, da wird man locker. Zumal wir die malerische Flusslandschaft des Panna Nationalparks mit den Jagdschlössern der Maharadschas und der ganzen Tierwelt heute zurücklassen, um ins 32 Kilometer entfernte Khajuraho zu fahren, wo es de facto um knisternde Erotik geht.Nachdem der britische Offizier T. S. Burt 1833 im tiefsten Dschungel des heutigen indischen Bundesstaates Madhya Pradesh mehrere verlassene Hindu-Tempel entdeckt und Königin Victoria davon Bericht erstattet hatte, entstand in Europa tatsächlich eine ernsthafte Diskussion darüber, ob man diese Bauwerke nicht lieber zerstören sollte. So sehr war man von den zum Teil drastischen sexuellen Darstellungen geschockt, die deren Außen- und Innenwände bis in die höchsten Gipfel zieren. Zum Glück wurde die Prüderie am Ende dann aber doch durch die Einsicht besiegt, dass es sich hier um eine auf der Welt einzigartige Tempelkunst handelt. Ihren Ritterschlag erhielt diese 1986, als die UNESCO die heilige Stadt zur Weltkulturstätte erklärte. Seither sorgt sie mit ihren grandiosen Skulpturen rund ums Jahr für einen enormen Besucheransturm. „Ma‘am, pleeease!“ – „Pleeease, Sirrr!“ Kaum ist man vor dem westlichen Tempelkomplex seinem Wagen entstiegen, strecken sich einem auch schon unzählige Hände entgegen. Kinder, Alte und Krüppel drängen sich, betteln mit flehendem Blick um ein paar Rupien oder Nahrung, während Souvenirhändler lautstark ihre Ware preisen und andere sich als Fahrer, Führer oder sonst was aufdrängen.
Im Gegensatz
zur bewohnten alten Königsstadt Orccha, die rund vier Autostunden entfernt, von Touristen kaum behelligt, geradezu weltentrückt am Betwa Fluss ruht, ist Khajuraho leider zu einem ziemlich nervigen Touristenort herangewachsen. Auf der Liste, der in Indien am häufigsten besuchten Monumente stehen die Tempel von Khajuraho gleich nach dem Taj Mahal an zweiter Stelle. Und so verwundert es nicht, dass das einst so verschlafene Nest bereits 1969 seinen eigenen Flughafen bekommen hat, auf dem mittlerweile täglich bis zu drei Boeing 737 oder noch größere landen. Allerdings kommen fast alle Besucher nur für einen kurzen Zwischenstopp auf ihrem Weg nach Agra oder Varanasi vorbei. Was wirklich schade ist. Denn im Südosten der Tempel warten mit den vier Nationalparks Panna, Bandhavgarh, Kanha und Pench jene Naturparadiese, die Rudyard Kipling vor rund 120 Jahren zu seinem zauberhaften Dschungelbuch inspiriert haben. Dichte Regenwälder, glitzernde Flussläufe und Felsplateaus mit Höhlen und Kaskaden bilden in Madhya Pradesh bis heute das mystische Reich von Shir Khan, dem so selten gewordenen bengalischen Tiger. Größtes Hindernis für eine Reise dorthin war bisher die fehlende Infrastruktur. Doch in den letzten Jahren hat die örtliche Tourismusbehörde überaus erfolgreich in den Ausbau ihrer staatlichen Hotels investiert. Und nachdem das Joint-Venture-Unternehmen Taj &beyond Ende 2009 mit dem Pashan Garh das letzte seiner vier Luxus-Resorts am Rande der berühmten Nationalparks eröffnet hat, bietet sich jetzt die Möglichkeit, Khajurahos Tempel im Rahmen einer für Indien einzigartigen, höchst komfortablen Safari-Rundreise zu besuchen.
Was für ein Anblick! Gestern hat Sajith in Panna noch auf die alten Steinbrüche am Ostufer des Ken-Flusses hingewiesen. Jetzt stehen wir vor den gewaltigen Tempeln, die aus genau jenem, extrem feinen Sandgestein erbaut worden sind. Jeder einzelne ein Paradebeispiel indo–arischer Sakralbauarchitektur. Wobei sich die filigrane Arbeit der Steinmetze dermaßen harmonisch einfügt, dass sich der verschwenderische Skulpturenreichtum aus der Ferne nicht mal erahnen lässt. Wie ein Gebirge leuchten die Heiligtümer je nach Sonnenstand rosa-, ocker- oder auch goldfarben in den Himmel hinein; symbolisieren mit ihrer zumeist von West nach Ost abgestuften Bauweise den heiligen Berg Meru – Sitz der Götter und Dreh- und Angelpunkt der Welt. "Schauen Sie hier, der Elefant!“ Rahul, der durch das parkähnlich angelegte Westgelände mit den acht Haupttempeln führt, zeigt auf eine Stelle im Fries des imposanten Vishnu-Tempels Lakshmana und lächelt verschmitzt. Wohlwissend, dass der Betrachter angesichts der orgiastischen Kopulationsszenen, die dort detailliert in Stein gemeißelt sind, auf alles achtet – nur nicht auf den Elefanten.
Weiter hinten im Park muss man beim Shiva geweihten Kandarya-Mahadev-Tempel, dem prachtvollsten und mit einunddreißig Metern zugleich höchsten von allen, gar nicht erst lange suchen. Genau 872 Statuen schmücken seine Wände. Viele davon sind fast einen Meter groß, und in ihrer Mitte prangen unübersehbar drei riesige Bänder mit mithunas: Frauen und Männer – in diesem Fall Vierergruppen – bei höchst akrobatisch ausgeführten Liebesspielen. Alle Sinnlichkeit und Leidenschaft der Welt Es ist das reinste Kamasutra, aber so eindeutig die dargestellten Posen auch manchmal sein mögen, sie machen nur einen geringen Teil des Gesamtkunstwerkes aus, bei dem es letztlich um die Vereinigung des Individuums mit dem Göttlichen geht. Unzählige Steinmetze müssen hier zeitgleich am Werk gewesen sein, denn von den 85 Tempeln, die in dieser heiligen Stadt ursprünglich einmal standen, sind fast alle in nur 100 Jahren, zwischen 950 und 1050 n. Chr., entstanden. Hervorgegangen aus der Blütezeit der Chandelas, eines kriegerischen Rajputen-Stammes, dessen Herrscher für sich in Anspruch nahmen, direkte Nachfahren des Mondgottes zu sein.
Doch der Glanz ihrer Stadt währte nicht einmal bis ins 16. Jahrhundert. Als die Afghanen einfielen, hatte sich der Dschungel bereits schützend über die Tempel gelegt und sie so vor Plünderern und fanatischen Zerstörern bewahrt. 22 Heiligtümer konnten bis heute erhalten werden. Warum nun all diese Sexszenen? Vielleicht, weil die Chandelas den Tantrismus pflegten. Offensichtlich ist, dass sie, die sich selbst als Götter sahen, den weiblichen Körper als eine göttliche Erscheinung verehrten. Die Skulpturen, die begnadete Steinmetze an diesem Ort in tausendfach abgewandelter Wiederholung aus den Gesteinswänden herausgearbeitet haben, sind in der Überzahl formvollendete, weibliche Erscheinungen. Zeremoniell und sinnlich zugleich wirkt dabei jedes Lächeln, jeder Blick und jede Körperhaltung einzigartig und ist von einer überraschenden Lebendigkeit erfüllt. Schaut man sich am Ende um, hat man das Gefühl, als solle hier über die Tempelwände alle Sinnlichkeit und Leidenschaft der Welt in den Himmel gespiegelt werden. Und dieser Augenblick wird für jeden Sterblichen zum wahrhaft göttlichen Moment.
Reiseinformationen
Beste Reisezeit: Ende November bis März.
Klima: Subtropisch vom Monsun geprägt (Juni bis September). Im Sommer heiß, Winter kühler.
Sprache: Hindi ist Amtssprache, 21 weitere Sprachen sind anerkannt. Englisch ist weit verbreitet.
Zeit: MEZ plus 4 1/2 Stunden.
Geld: Indische Rupie (INR). 1 Euro = 63,64 INR.
Dokumente: Mind. 6 Monate gültiger Reisepass und ein Visum, ausgestellt von Botschaften/Konsulaten.
Gesundheit: Die Gesundheitsversorgung in den Städten ist gut, in ländlichen Regionen eher schlecht. Behandlung erfolgt nach Vorkasse. Sorgen Sie für Mückenschutz: Besonders während und nach der Monsunzeit besteht die Gefahr von Dengue-Fieber.
Essen & Trinken: Die indische Küche wird unverwechselbar dominiert von Gewürzen. Bis zu 25 verschiedene Gewürze (u.a. Kurkuma, Koriander, Chili, Kumin, Knoblauch, Pfeffer) werden für die Masalas (Gewürzmischungen) zusammengestellt, die dann für Currys (Eintopfgerichte) verwendet werden. Während in Nordindien Fleischgerichte typisch sind, überwiegt im Süden die scharfe und würzige vegetarische Küche – z.B. Bhaji (Gemüsecurry), Biryani (Reisgericht mit Curry). Mariniertes Fleisch wird in einem Tonofen zu Tandoori zubereitet. Zu den Hauptmahlzeiten wird Reis und Brot (Roti oder Nan) gereicht. Getrunken wird viel Tee, Chai (gewürzter Tee mit Milch) oder Lassi (Joghurt mit Wasser).
Restaurants: In jeder Stadt finden Sie einfache Garküchen, die authentische Gerichte zubereiten.
Sehenswert: Hauptstadt Bhopal. Es gibt zahlreiche Paläste, Moscheen (Taj-ul-Masjid ist die größte Moschee in Indien), Museen und Parks. UNESCO Weltkulturerbe: Khajuraho-Tempel aus der Chandella-Dynastie mit erotischen Darstellungen; Bhimbetka bei Bhopal – prähistorische Höhlen mit den ältesten Spuren menschlichen Lebens in Indien. Gwalior – historische Stätten mit imposantem Fort. Datia: Govind Mandir Palast, Chhatris (Gedenktafel), Blaue Häuser. Udaygiri-Höhlen. Die Säule von Heliodor in Besnagar. Udayeshvara Tempel in Udayapur. Lakshmi Narayan Tempel in Palaststadt Orchha. Nationalparks: Panna, Pench und Kanha.
Unbedingt machen: Das Khajuraho Tanz-Festival besuchen. Eine Woche dauert das farbenfrohe Fest mit Tanzvorstellungen im Feb./März. Das Tansen Music Festival in Gwalior findet im Nov./Dez. statt.
Unbedingt vermeiden: Gegen Sitten und Gebräuche der Inder verstoßen. Achten Sie auf angemessene Kleidung. Anzüglichkeiten und Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit vermeiden. Die linke Hand gilt in Indien als unrein: Essen Sie daher nur mit der Rechten.
Beliebte Mitbringsel: Bekleidung, Stoffe, Schmuck, Gewürze und Tee.
Literatur: „Lonley Planet Reiseführer Indien“ von Sarina Singh (2010), 28,95 €.
Auskünfte: IndiaTourism Frankfurt, Baseler Str. 48, Frankfurt, Tel. 069/24 29 49-0, www.india-tourism.com oder www.madhya-pradesh.de.
Reiseangebot
Eine 10-tägige Rundreise aus dem Dertour-Programm führt Sie zu den „Höhepunkten Nordindiens mit Khajuraho & Varanasi“. Stationen sind u.a.: Delhi mit Stadtrundfahrt, die rosarote Stadt Jaipur mit Palast der Winde, Agra mit Besuch des Taj Mahal, der Palast von Orcha, die Khajuraho-Tempel die berühmten Ghats von Varanasi. Preis: 10 Tage (8 Nächte) im DZ, Teilverpflegung in Hotels der Mittelklassse inkl. Rundreise und Flug ab/bis Deutschland ab 2.263 € p.P. Für den reinen Flug bietet sich Finnair an: z. B.München-Helsinki-Delhi und retour ab 669 €. Information und Buchung
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