Kühlungsborn

Mecklenburg statt Malle …

von Michael Graul

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Alles fing damit an, dass meine Freundin von ihren Eltern zum Geburtstag einen immerhin viertägigen Urlaub geschenkt bekommen hatte. Und sie fragte mich, ob ich Lust hätte, sie zu begleiten. Eine kurze Auszeit und dann noch in charmanter Begleitung – aber klar! Und während ich noch überlegte, ob es nach Mallorca oder gar in die Toskana gehen würde, offenbarte mir Maike mit ehrlicher Freude das tatsächliche ­Reiseziel: Kühlungsborn. Ostsee. Mecklenburger Bucht. Ach du meine Güte – Mecklenburg statt Malle! Nicht mal eine Woche später saßen wir im Zug von Hamburg Hauptbahnhof nach Bad Doberan. Dort wollten wir umsteigen. Umsteigen, wenn ich das schon höre! In meinem Kopf notierte ich einen weiteren Punkt auf meiner Dinge-die-ich-an-Kühlungsborn-hasse-Liste:. Hatten die denn da keinen eigenen Bahnhof? Was musste das bloß für ein Nest sein, sagte ich mir und starrte mit finsterer Miene aus dem Fenster. Natürlich hatte ich mich vorher keine Sekunde lang mit unserem Reiseziel beschäftigt. So wusste ich nicht, dass wir geradewegs auf dem Weg waren, ein paar Tage im größten Bade- und Erholungsort Mecklenburg-Vorpommerns zu verbringen. Deutschlands längste Strandpromenade Unser Hotel – auch das war mir selbstverständlich nicht bewusst – befand sich direkt an der längsten befestigten Strandpromenade Deutschlands. Und während ich noch verkniffen aus dem Zugfenster auf Felder und Wiesen schaute, riss der Himmel auf und die Sonne zeigte sich. Immerhin, murmelte ich, wenigstens regnet es nicht. Nach knapp zweidreiviertel Stunden erreichten wir Bad Doberan und meine Freundin lotse mich, nachdem wir den IC verlassen hatten, in Richtung „Molli Bäderbahn“. Ich traute meinen Augen nicht: Vor mir tauchte eine pechschwarze, dampfbetriebene Schmalspurbahn auf, ohne Zweifel ein ­Relikt aus dem vorletzten Jahrhundert. Drumherum Menschenmassen, die diese Bahn fröhlich enterten.

image Ich ließ mich bereitwillig aufklären: Tatsächlich schon im 19. Jahrhundert verkehrte die „Mecklenburger Bäderbahn Molli“ erstmals zwischen Bad Doberan, Heiligendamm und Kühlungsborn. Früher noch ein benötigtes Fortbewegungsmittel, dient sie heute eigentlich nur noch als touristische ­Attraktion. Aber was für eine! Mit dem dampfbahntypischen Lärm und dem entsprechenden Rauch, der aus dem Schornstein quillt, ist die „Molli“ nicht nur ein einmaliger Hingucker, sondern für jeden Fahrgast auch eine schlichte Sensation. Mit übersichtlicher Geschwindigkeit fährt man von Doberan nach Heiligendamm entlang einer Lindenallee, später von Heiligendamm zur Endstation Kühlungsborn parallel zum Ostseestrand über Felder. 15,4 Kilometer insgesamt. Mal von der Ostsee abgesehen: Sowas gibt es, soweit ich weiß, in der ­Toskana schon mal nicht. Nach 40 Minuten kamen wir in Kühlungsborn-Ost an. Und etwa 300 Meter davon entfernt, wartete das Hotel auf uns: Das „Morada Strandhotel Ostseebad Kühlungsborn“. Die Eltern meiner Freundin hatten sich wirklich nicht lumpen lassen, soviel war schon auf den ersten Blick klar. Die Architektur: wie es sich für ein Strandbad gehört. Die Ausstattung: vom Feinsten und mit allem, was dem alltagsgeplagten Urlauber ein Lächeln auf das Gesicht zaubert: Flachbild-Sat-TV, Zimmersafe mit Laptop-Ladestation, kostenloses W-Lan und Minibar für den Herren, Föhn, Schminkspiegel, Sitzecke und Handtuchwärmer für die Dame. In den ­Suiten stehen zusätzlich noch CD- und DVD-Player zur Verfügung. Wir hatten eine Suite. Ich liebte meine möglicherweise künftigen Schwiegereltern.

imageAm nächsten Tag, nach einen durchaus als exzellent zu bezeichnenden Abendessen im grandiosen „Panoramarestaurant“ (Vorsuppe und Hauptgang á la Carte, Salat und Dessert vom ­üppigen Buffet), machten wir das Seebad unsicher. Geschichte ist in Kühlungsborn fühlbar, obwohl alles sehr ordentlich und renoviert ist. Schon 1880 konnten sich die drei Ostseedörfer Gut Fulgen, Brunshaupten und Arendsee über wachsenden Zuspruch der Badegäste freuen – wohlgemerkt, wir reden hier von einer Zeit, als sich die Damen noch mit rüschenbesetzten Badetrikots in die wogende See wagten. Über ein halbes Jahrhundert später, am 1. April 1938, ­wurden die drei ­Kleinen zu einem Großen: Kühlungsborn war, wenn man so will, geboren. Als Namenspate diente der sich un­mittelbar südlich der ursprünglichen Dörfer erhebende Höhenzug „Kühlung“. Und heute ist das Städtchen mit seinen nicht einmal 8.000 Ein­wohnern der größte Badeort Mecklenburgs und sticht damit immerhin so namhafte Städte wie Warnemünde oder Heringsdorf auf Usedom aus. Stolze 3.150 Meter misst die Strandpromenade von Kühlungsborn und ist damit – wer hätte das gewusst? – die längste dieser Art in ganz Deutschland. Sechs Kilometer ist der feine Sandstrand lang. Auch da muss man lange suchen, um vergleichbares irgendwo zu entdecken. Für Badegäste hat man ohnehin ein besonderes Herz, hier in Kühlungsborn. Ob in adäquater Badebekleidung, oder so, wie Gott den Menschen schuf – oder vielleicht als Hund: Strände gibt es hier für jeden und alle. Der FKK-­Bereich schließt sich an den Textilstrand an, darauf folgt der Hunde­strand. Bundesweit vorbildlich: der 2007 geschaffene Behinderten-Strandzugang. Hier ist der Sandstrand über 100 Meter breit. Der Bootshafen, auch er sehr modern, bietet Platz für bis zu 400 Boote und versprüht absolut mediterranes Flair. All das sorgt dafür, dass ich mich dabei ertappe, ein Fan der Ostsee im All­gemeinen und von Kühlungsborn im Besonderen zu werden.

image Anja und ich sind durchs Städtchen gewandert, haben viele gute Gespräche geführt und sind vielen netten Menschen begegnet. Mein muffiger Gesichtsausdruck ist längst einem entspannten und erholtem gewichen. Die klare, nach Salz schmeckende Ostseeluft verschafft meiner Part­nerin und mir auffallend rosige ­Wangen. Wir stecken voller Energie und wollen jetzt was erleben. Tja, das ist allerdings nun leichter gesagt als getan. Es ist später Nachmittag, fürs Abendessen oder einen Barbesuch noch etwas früh am Tage. Also entschließen wir uns, einen Abstecher ins Kübomare zu machen. Auf über 3.000 Quadratmetern präsentiert sich hier ein Erlebnisbad mit Meerwasserpool und Saunalandschaft. Vermutlich gibt es nichts, was hier nicht angeboten wird: ein 25-Meter-Becken, randvoll mit Meerwasser, dazu fünf verschiedene Saunen im Innen- und noch mal zwei im Außenbereich. Ob klassisch finnisch, Bio, Dampf oder Kelo-Blockhaussauna. Im gesamten Bad herrschen angenehme 32 Grad. Und prompt vergessen wir, dass uns der Ostseewind da draußen doch ziemlich durchgepustet hat. Besonderer Clou für uns: Als Gäste des „Morada Strandhotel“ gehen wir gratis baden und relaxen – ein feiner Service, denn so sparen wir elf Euro pro Person und wissen schon jetzt, was wir am nächsten Tag wieder machen werden. Die Tage in Kühlungsborn vergehen viel zu schnell, und schon naht die Rückreise ins laute Hamburg. Mir ist ein bisschen wehmütig zu Mute, als wir die „Molli“ Richtung Bad Doberan besteigen. Ob ich mal wiederkomme? Was für eine Frage – selbstverständlich werde ich das. Für die kleine Auszeit zwischendurch ist bei mir jetzt Mecklenburg statt Malle angesagt.

Reiseangebot

imageBeste Reisezeit: Ganzjährig.
Klima: Maritim geprägtes Klima an den Küsten und kontinental gemäßigtes Klima im Binnenland. Die Sommer sind mild und die Winter kühl und feucht. Die höchste Durchschnittstemperatur von 20 °C wird im Juli und August erreicht. Die Wassertemperatur liegt im Hochsommer bei 17 °C. Charakteristisch ist ein langer Spätsommer.
Sprache: Hochdeutsch und Plattdeutsch.
Gesundheit: Das Meeresklima ist ein Reizklima und wirkt sich auf allerlei Beschwerden wie Asthma und Hautbeschwerden positiv aus.
Essen & Trinken: Fischgerichte stehen an der Küste natürlich auf der Speisekarte ganz oben. Frischer Fisch aus Meer und Süßwasser (ins­besondere Aal) wird frisch zubereitet oder geräuchert. Die Mecklenburger Küche ist als recht deftig bekannt. Viele Gerichte werden „süß-sauer“ zubereitet, z.B. „Himmel und Erde“ (Kartoffeln, Äpfel und Blutwurst), „Birnen, Bohnen und Speck“ oder „Tüffel und Plum“ (Kartoffelsuppe mit Speck und Pflaumen). Aber auch Wildgerichte (u.a. Fasan) werden gern gegessen. Dazu gibt es Kartoffeln und frisches Gemüse, häufig (Grün-) Kohl. Ein beliebter Nachtisch: Schwarzbrotpudding (aus Schwarzbrot, Schokolade und Sauerkirschen).
Restaurants: Frisch und lecker: Fisch-Hus, Ostseeallee 50, Tel. 038293/43 85 5.
Sehenswert: Strandpromenade (längste Deutschlands) mit schönen Häusern in der Bäderarchitektur der Jahrhundertwende. Bootshafen. Seebrücke – ragt 240 m hinaus auf die Ostsee. Der Stadtwald. Die Ostseeallee mit vielen Geschäften und Cafés lädt zum Bummeln ein. Bastorfer Leuchtturm auf der Erhebung „Buk“. In der Umgebung: Münster von Bad Doberan, Rostock, Wismar (Der historische Stadtkern gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.), Schloss in Schwerin. Aktivitäten: Wandern, Radfahren, Reiten, Angeln (z.B. Plattfische und Dorsche von der Seebrücke aus), Drachensport.
Unbedingt machen: Eine Fahrt mit der Schmalspurbahn „Molli“ von Kühlungsborn über Heiligendamm nach Bad Doberan. Ein Besuch in der Wellness- und Freizeit-Oase „Kübomare“.
Unbedingt vermeiden: Bei ablandigem Wind mit dem Gummiboot oder der Luftmatratze zu weit aufs Meer hinauspaddeln. Bei ungünstigen Bedingungen schafft man es dann nicht mehr aus eigener Kraft zurück an den Strand.
Beliebte Mitbringsel:
Maritime Souvenirs, z.B. Buddelschiffe, Fischerhemden. Halten Sie Ausschau nach schönem Strandgut, z.B. Schwemmholz, Muscheln und Bernstein. Außerdem Imkereiprodukte und Sanddorn.
Literatur: „Marco Polo Reiseführer Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommern“ von Kerstin Sucher und Bernd Wurlitzer (2009), 9,95 €. „Rad- und Wanderkarte Ostseebäder Kühlungsborn-Rerik, mit Ausflugszielen, Einkehr- & Freizeittipps und Stadtplänen, wetterfest, reißfest, abwischbar, GPS-genau“ von Publicpress (2010), 3,95 €.
Auskünfte: Touristik-Service-Kühlungsborn GmbH, Ostseeallee 19, 18225 Ostseebad Kühlungsborn, Tel. 038293/84 90, www.kuehlungsborn.de.

Reiseinformationen

Reiseangebot Wunderbar direkt am Meer gelegen ist das „Morada Strandhotel Ostseebad Kühlungsborn“. Das 4,5 Sterne-Haus hat insgesamt 151 Wohlfühlzimmer und Suiten. Eine Besonderheit des Strandhotels ist die beeindruckende Panoramaetage. Hier befindet sich der Gastronomiebereich mit Restaurant, Bar und Raucherlounge. Entspannung pur bietet die 3.000 qm große Wellness- und Freizeitoase „Kübomare“ mit Meerwasserschwimmhalle, Saunawelt u.v.m. Preis: 1 x Ü/F im Komfort-Doppelzimmer ab 126 Euro für 2 Personen bei eigener An- u. Abreise. Information und Buchung

Fotos: TSK GmbH/ René Lange, Mike Witte

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