New York

Sightseeing auf die harte Tour

von Hans Dittrich

Adrenalin liegt in der Luft. Pures Adrenalin. Was natürlich Unsinn ist. Kerosin kann in der Luft liegen. Aber Adrenalin? Nicht wirklich. Allerdings – ich wette, in diesem Augenblick hätten Sie es genauso empfunden wie ich. Es ist kurz nach sechs Uhr früh. Ein – verglichen mit den Temperaturen im heimischen Westfalen – äußerst milder Novembermorgen. Ich stehe am Fort Wadsworth auf Staten Island, New York. Ein historischer Ort. Hier waren einst Tausende von Immigranten am Ziel ihrer Wünsche, angekommen in der „Neuen Welt“. Und auch ich fühle mich in gewisser Weise am Ziel. Dabei liegt es, genau genommen, noch 26,2 Meilen von mir entfernt – im Central Park, jenseits des East River. In wenigen Minuten werden wir am 42,195 Kilometer langen New York Marathon teilnehmen. Zusammen mit etwa 40.000 anderen Läufern aus aller Welt. Wir – das sind mein Sohn Hans-Jürgen (40), mein Enkel Elias (19) und ich, der Großvater in der Familie. Drei Generationen der Dittrichs laufen den ING New York City Marathon, wie die Veranstaltung offiziell heißt. Das erfüllt mich schon ein wenig mit Stolz …

Die Stimmung ist euphorisch. Wir scherzen miteinander, geben uns gegenseitig Tipps, dehnen die Muskeln, trinken was, gehen zum dritten Mal aufs Dixi-WC, bekleben unsere Brustwarzen mit Pflaster, damit sie sich nicht wund scheuern, reiben unsere Oberschenkel aus demselben Grund mit Vaseline ein, binden erneut die Schnürsenkel der Laufschuhe – und endlich geht es los. tl_files/contao-ready-theme/content/reportagen/new york/NY_Marathon_311.jpgWir hören, dass der Bürgermeister der Stadt den Startschuss abfeuert. Die ersten Läufer sind auf der Strecke. Allen voran die Profis, die Stars der Szene. Läufer, die 42 Kilometer in weniger als zweieinhalb Stunden zurücklegen. Die längst unter der Dusche stehen, wenn ich gerade den Halbmarathon-Punkt erreiche. Aber das ist mir nicht wichtig. Und den meisten anderen hier an diesem Morgen auch nicht. Allmählich bewegen wir uns Richtung Startlinie. Männer und Frauen laufen übrigens gemischt. Aber in unterschiedlichen Leistungsgruppen, nach Farben geordnet. Damit die langsameren Teilnehmer die schnelleren nicht ausbremsen. Alles ist perfekt organisiert. Das war vor knapp 40 Jahren, beim ersten New York Marathon, am 13. September 1970, noch viel überschaubarer. Damals nahmen gerade mal 127 Läufer an der Veranstaltung teil. Und lediglich 55 von ihnen erreichten das Ziel. Heute ist jeder von uns mit einem Chip ausgestattet. Darauf sind seine persönlichen Daten gespeichert. Und damit wird seine Laufzeit gemessen. Sobald er die Startlinie überschreitet. Und das ist bei mir genau in dieser Sekunde der Fall. Ich bin unterwegs!

Die ersten Meter nehme ich wie in Trance wahr. Es geht aufwärts, regelrecht bergan. Gleich zu Beginn erreicht der Marathon mit 100 Höhenmetern sein erstes Highlight: die Verrazano Narrows Bridge. Vielleicht kennen Sie ja dieses Bild, das jedes Jahr in den Medien um die Welt geht? Eine Luftaufnahme der Brücke, wenn das Feld der Läufer noch dicht beieinander ist und Zehntausende auf der Brücke The Narrows überqueren. Ein fantastischer Anblick. Und noch bewegender ist es, mitten im Geschehen zu sein. Über uns kreisen Helikopter der TV-Sender, unten in der Lower Bay tuten Schiffe, tanzen Wasser-Ballett, sprühen Fontänen. Ich genieße jeden Schritt auf der drei Kilometer langen Brücke. Nun sind wir in Brooklyn. Wo die Strecken der einzelnen Leistungsklassen kurz abweichend verlaufen, um das gesamte Feld zu entzerren. Ich verliere Hans-Jürgen und Elias aus den Augen. Wir werden uns erst am Ziel wieder sehen. Hoffentlich …In Brooklyn wird mir bewusst, was den Reiz des New York Marathon ausmacht. Es ist ein athletischer Wettkampf. Sicher. Mit Preisgeldern von über einer halben Million Dollar. Und es ist ein Medien-Spektakel. Mit rund 320 Millionen Fernseh-Zuschauern weltweit. Aber es ist auch ein großes Nachbarschaftsfest. Die Menschen entlang der Route winken, jubeln, schwenken Fähnchen, reichen uns Wasser, Bananen. Das pusht!

Ich schaue nach oben, über die Köpfe des Publikums. Wir passtl_files/contao-ready-theme/content/kategorien/Metropole-New-York-Taxis_Foto-Jeff-Greenberg.jpgieren Häuser aus browstones – wunderbar erhaltenen Sandsteinen – mit Feuerleitern. Es ist, als würde ich durch die Kulissen von Hollywood-Filmen laufen, die ich mal im Kino gesehen habe. Sunset Park, Carroll Gardens, Clinton Hill. Überall dieselbe Begeisterung. „Keep on! You make it!“ Ja, wir schaffen es. Dennoch, zwischen Williamsburg North und Greenpoint wird mir schmerzlich klar: Ein Marathon verlangt dir als Läufer eine Menge Respekt ab. Du setzt dir ein Ziel, verfolgst es mit harter Arbeit und Disziplin. Du bereitest dich ein halbes Jahr körperlich und mental auf diesen Moment vor. Und wenn du während des Laufs unvernünftig bist, kann all die Mühe vergeblich gewesen sein. Der Marathon macht dich fertig. Egal, ob du Olympionike bist oder Amateur, so wie ich. Immerhin: Auf der Pulaski Bridge erreiche ich bereits den Halbmarathon-Punkt. Das ist doch schon mal was. Queens, zumindest die südwestliche Ecke davon, ist schnell durchquert. Und als ich diesen Stadtteil über die Queensboro Bridge verlasse, liegt Manhattan direkt vor mir. Ein tolles Panorama! Links das Gebäude der Vereinten Nationen, geradeaus der Trump Tower, schräg rechts die Rockefeller Universität. Die Morgensonne färbt die Fensterscheiben der Wolkenkratzer gelb-orange. Sieht super aus!

Wir biegen nach rechts ab in die First Avenue, werden mit „We adore you!“-Rufen begrüßt. Am Straßenrand kann ich Hunderte von Händen abklatschen. Solch ein Empfang baut auf. Und das ist auch bitter nötig. Denn auf der First Avenue laufen wir kilometerweit geradeaus. Das nimmt einfach kein Ende! Plötzlich begleitet mich jemand auf dem Fahrrad, hält mir ein Mikro unter die Nase. Verrückt: Während eines Marathonlaufs gebe ich ein Interview. Ich weiss bis heute nicht, für welchen Radiosender. Und ob ich was Sinnvolles gesagt habe. Aber so lege ich viele Meter zurück, ohne es zu registrieren. Jenseits der Willis Avenue Bridge ist das Ambiente anders: Die Hifi-Boxen an der Straßen haben Kleiderschrank-Format, der Beat ist härter, die Zurufe der Zuschauer sind noch etwas lebendiger und ihre Hautfarbe ist dunkler. Wir laufen durch die Bronx, nehmen aber bereits am Stadion der New York Yankees wieder Kurs auf Manhattan. Zwischendurch gönne ich mir eine winzige Erholungspause, gehe ein bissche anstatt zu laufen. Bald ist auf der noblen 5th Avenue die Museumsmeile erreicht. Rechts der Central Park, links das Museum of The City of New York, Jewish Museum und das architektonisch einzigartige Guggenheim Museum. Dicht vor mir schwächelt ein Läufer. Andere helfen ihm wieder auf die Beine. Nein, jetzt macht keiner mehr schlapp! Gleich biegen wir ab in den Central Park, können den Applaus an der Ziellinie schon hören. Das Spalier der Zuschauer wird enger. Der Jubel der Menge trägt uns Läufer fast über die restlichen Meter. Noch ein Schlenker um The Pond, am Plaza Hotel vorbei und zurück in den Park. Dann bin ich tatsächlich am Ziel, werde kurz vor der Ziellinie vom Moderator – dem Chip sei Dank – sogar mit meinem Namen begrüßt. Ich bin überglücklich. Bald haben mich auch Hans-Jürgen und Elias entdeckt. Wir fallen uns in die Arme und sind uns einig: Der ING New York City Marathon ist gewiss nicht die bequemste Art, diese faszinierende Stadt kennen zu lernen. Aber mit Sicherheit ist es die schönste – einfach traumhaft schön.

Reiseinfos

Beste Reisezeit: Mai bis Mitte Juni und Mitte September bis Ende Oktober.
Klima: Das New Yorker Wetter ist extrem: im Winter oft bitterkalt, im Sommer sehr schwül mit Temperaturen bis zu 35 Grad C. Durch den Wechsel von klimatisierten Räumen auf die heißen Straßen besteht Erkältungsgefahr.
Sprache: Englisch.
Geld: Währung ist der US-Dollar ($). 1 Euro = ca. 1,30 $.
Dokumente: Einreisende (auch Minderjährige) brauchen einen maschinenlesbaren Pass. Westeuropäische Touristen können sich max. 90 Tage in den USA aufhalten, ohne ein Visum zu beantragen.
Gesundheit: Selbst wenn Sie eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen haben, müssen Sie auf jeden Fall erst einmal die Rechnung für Arzt, Krankenhaus oder Notaufnahme begleichen.
Essen & Trinken: Umfassendes Angebot für alle Geschmacks-richtungen. Schnelle und preiswerte Gerichte gibt es in den Fastfood-Filialen von MacDonalds & Co. Wer es komfortabler haben will, besucht ein preiswertes Family-Restaurant oder ein „richtiges“ Restaurant mit meist hervorragendem Service und gehobeneren Preisen.
Restaurants: Sea: Thailändisches Essen, frisch wie das Publikum und der plätschernde Wasserfall. 114 N Sixth St. (Berry St.), Williamsburg, Tel. 1718/ 384-8850, Subway: Bedford Av.; The Grocery: Spielt ganz oben mit in der Restaurantbibel Zagat. Mo-Do 18-22, Fr, Sa 17.30-23 Uhr, 288 Smith St., zw. Sackett und Union St., Tel. 1718/596-3335, Subway: Carroll Gardens; Capsouto Freres: Ein Bistro, bekannt für seine Soufflés und den Brunch. 451 Washington St., Tel. 1212/966-4900, Subway: Canal St.; Churrascaria Plataforma: Fleisch, Fleisch, Fleisch - auf dem Spieß perfektioniert. Belvedere Hotel, 316 W 49th St., Tel. 1212-245-0505, Subway: 50 St.
Sehenswert: Central Park: Nirgendwo sind die vielen Freizeitaktivitäten der New Yorker besser zu beobachten. Brooklyn Bridge: 3 Jahre dauerte der Bau der „Kathedrale aus Stahl“. 30 Minuten geht man zu Fuß über die Brücke über den East River. Ground Zero/World Trade Center Site: Ein Ort im Übergang. Der Horror nicht mehr zu ahnen, die Zukunft noch nicht da.
Unbedingt machen: Tanzstars von morgen beobachten: An der Tisch School of the Arts präsentiert der Tanznachwuchs sein Können. Aller Anfang ist schwer: Das Tenement Museum in der Lower East Side lässt ahnen, womit sich die New Yorker im 18. Jh. begnügen mussten. Parlor Entertainment: Jeden Sonntag lädt Marjorie Eliot um 16 Uhr zum Jazzkonzert in ihr Wohnzimmer in Harlem. Eintritt wird nicht verlangt, aber ein freiwilliger Obolus ist immer willkommen, 555 Edgecombe Av. (160th St.), Apt. 3F, Tel. 1212/781-6595, Subway: 163rd St.
Unbedingt vermeiden: In falsche Taxis steigen. An Flughäfen und vor Hotels bieten Fahrer ohne Lizenz mit dem Wort „Taxi“ ihre Dienste an. Sie sind selten versichert und verlangen überhöhte Preise. Ohne Ausweis ausgehen: Bei einigen Sehenswürdigkeiten gehört der Pass-Check zur Kontrolle. Auch viele Bars wollen Ihre ID zur Identifikation am Eingang sehen, selbst wenn Sie deutlich sichtbar älter als 21 sind.
Beliebte Mitbringsel: Computer, technisches Spielzeug aller Art. Modern Art und bemerkenswertes Design aus dem MoMA Design Store. Trend-garderobe, Schuhe, Schmuck
und Antiquitäten.
Literatur: Vis a Vis, New York: Manhattan. Hotels. Kunst. Shopping. Museen. Von Eleanor Berman von Dorling Kindersley, 20,90 €; Baedeker Allianz Reiseführer New York, 19,95 €.
Auskünfte: Fremdenverkehrsbüro New York: Convention & Visitors Bureau c/o The Mangum Group, Sonnenstr. 9, 80331 München, www.newyork.de

Reiseangebot

tl_files/contao-ready-theme/content/reportagen/new york/karte_NY.jpgNew York City Marathon: Flug ab/bis Deutschland, 4 Übernachtungen, Flughafen-Transfer, Transfer zum Startplatz, Anmeldung zum Lauf (garantierter Startplatz). Preise, je nach Hotel, ab 1.100 €. Info & Buchung



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