Rio de Janeiro

Tanze Samba mit mir!

von Jürgen Römer

Rio de Janeiro. Ein müder Morgen. Knarzend und rumpelnd rollt die Zahnradbahn den steilen Weg hinauf zum Corcovado, dem Hausberg von Rio mit seiner ­gigantischen Jesus-Statue. Viele Fahrgäste sehen übernächtigt aus. Es ist schwül, Wasser tropft aus rot blühenden Hibiskusbäumen. Auf halber ­Strecke stoppen die Waggons, der ­Gegenzug muss abgewartet werden. Der kommt vom Gipfel, die offenen Wagen bleiben dicht nebeneinander stehen. Dann plötzlich ... Eine Trillerpfeife im Zug nebenan gibt ein paar Takte eines schrillen Samba-Rhythmus vor. Im Nu stimmen die anderen Fahrgäste mit ein: Sie ­pfeifen, klatschen, trampeln. Schlüssel tickern Synkopen an den Stahlrohren der Sitze. Schwere Stiefel stampfen den drängenden Rhythmus auf den Boden. Der ganze Wagen bebt. Lachen, ­Singen. Zwei Mädchen tanzen zwischen den Sitzreihen. Mit einem Ruck setzen sich beide Züge wieder in Bewegung. Die Hälfte des spontanen Samba-Orchesters verschwindet leiser werdend zur Talstation nach unten.

Es wird getanzt, getrunken und gelacht Das Lachen und die Fröhlichkeit bleiben. Rio ist im Karnevals-Fieber. Schon Tage vor den prunkvollen Paraden der großen Sambaschulen ziehen Musik- und Tanzgruppen durch die einzelnen Stadtteile. Jedes Viertel hat eigene „bandas“ oder „blocos“ – kleine Kneipenmannschaften ebenso wie landesweit bekannte Gruppierungen. Da gibt es zum Beispiel die „Banda de Ipanema“, Favorit der Schwulen­gemeinde von Rio. An zwei Tagen während des Karnevals ziehen die Tänzer und Musiker durch die Innenstadt bis hinunter zum weltberühmten Strand. Mitgehen, mittanzen kann ­jeder, ob Einheimischer oder Tourist, ob kostümiert oder nicht. Hunderte und Tausende drängen sich dann durch die engen Straßen, mit­gerissen vom Samba-Rhythmus. Party ist angesagt. Verkehrschaos inklusive. Bis zum Morgengrauen wird getanzt, getrunken und gelacht.

Szenenwechsel. Wir geraten in den Zug der „Bloco da Lama“ – der „Horde des Schlamms“. Hunderte von ­Männern, Frauen und Kindern sind am frühen Morgen zum Mangrovenstrand von Guaratiba im Westen Rio de Janeiros gefahren und haben ein fröhliches Schlammbad genommen. Grauschwarz wie Tonfiguren klettern sie nun wieder an den Strand und ­formieren sich zu einem Zug in die ­Innenbezirke. Sie halten Rinder­schädel hoch an langen Stangen, ziehen (Pappmaché-)?Schildkröten mit sich und verbreiten mit dumpfen Trommelschlägen und „Uga Aga Uga“-Rufen den Eindruck einer archaischen Steinzeit-Horde auf dem Kriegspfad. Der Zug hinterlässt bei allen Zuschauer ­bleibende Eindrücke – besonders bei denen, die von einer der Schlamm­gestalten herzhaft in den Arm ge­nommen wurden. Hunderte mehr oder weniger offi­zielle Straßenumzüge gehören zum Karneval in Rio. tl_files/contao-ready-theme/content/reportagen/action/riodejaneiro/rio_embratur_fireworks_311.jpgWie etwa der Auftritt der „Carmelitas Bloco“, deren An­hänger sich gerne als Nonnen ­verkleiden. Oder die Auftritte der „Cordao de Bola Preta“, einer Karnevalskapelle, bei der oft Familien mit kleinen Kindern mitgehen und -feiern. Zwar existiert irgendwo eine Planung mit Treffpunkten und Anfangszeiten. Man sollte aber nicht zu viel darauf ­geben. „Pünktlich sind in Rio nur die Touristen und die Bierverkäufer,“ ­sagen die Cariocas, die Bewohner Rios. Also horcht man besser, wo die Musik spielt, oder wartet einfach, bis die Party vorbeikommt. Irgendwann, egal wo, steppt der Bär, explodiert die Stimmung, wird getanzt und gefeiert. Spätestens an den letzten drei Karnevalstagen zieht ein endloser Strom von Gruppen und Einzeldar­stellern durch die City. Fantasie ist ­gefragt. Ein echter Carioca macht aus allem ein Kostüm. Hier tanzt eine ­Königin der Nacht in einem Kostüm aus Perlen und Plastikflaschen, dort faszinieren Fantasie-Tiergestalten, scheppernde Blech-­Verkleidungen, lebende Gold-Statuen – eine nicht endende Reihe von fantastischen Kostümen, in denen ihre Träger für ein paar Tage den oft tristen Alltag hinter sich zurücklassen. Wer mitfeiern will, ist im Samba-Rausch gern gesehener Gast. Auch Touristen können sich ins Gewühl werfen, ohne panische Angst vor ­Dieben oder Räubern zu haben. Rio de Janeiro hat zwar eine bedenkenswerte Kriminalitätsrate. Ihre erschreckenden Zahlen werden aber besonders durch die Drogen- und Bandenkriege in den so genannten Favelas, den ­Armenvierteln in den Randlagen der Stadt, nach oben getrieben. Für Touristen gilt deshalb, die Favelas möglichst zu meiden. Im übrigen sind die Grundregeln für alle heißen Pflaster dieser Welt zu beachten: Teure Uhren, Schmuck und Papiere im Hotel lassen. Nur so viel Geld einstecken, wie man sich zur Not klauen lassen will. Räumen Sie Ihre (Hand-)Taschen selbst aus, bevor es die Taschendiebe tun. Und stürzen Sie sich dann ins ­Karnevals-Gewühl ohne schwere ­Bedenken.

tl_files/contao-ready-theme/content/reportagen/action/riodejaneiro/rio_embratur_copa_311.jpgDenn nun naht der absolute Höhepunkt des Karnevals in Rio: die Parade der Sambaschulen, das Fest der ­Farben, Formen und Fantasie im Sambódrom, im Stadtteil Estácio.700 Meter lang ist die Paradestrecke, auf beiden Seiten gesäumt von haus­hohen Tribünen für fast 90.000 Be­sucher. Genau 82 Minuten Zeit hat jede der vielen Sambaschulen für ihren Auftritt. Auf diese 82 Minuten haben tausende von Mitgliedern das ganze Jahr hingearbeitet. Sie haben Kostüme entworfen und genäht, Choreografien ersonnen und geübt. Jede escola de samba (Sambaschule) baut fünf bis acht riesige Wagen zum Thema des jewei­ligen Aufzugs – bewegte Riesentiere, Schiffe, ganze Dschungel-Landschaften. Dem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt. Auf den Wagen, im Zug davor und dahinter tanzen tausende von Mitgliedern der escolas in ihren prächtigen Kostümen.Während die Wagen von Sponsoren- oder Preisgeldern finanziert werden, bezahlen die Mitglieder der Sambaschulen ihre meist sehr aufwändigen Verkleidungen selber. Viele müssen sich die Kosten der Karnevals-Vor­bereitungen im wahrsten Sinne vom Munde absparen. Und dann, in den entscheidenden 82 Minuten, zeigt sich, ob sich die Arbeit eines ganzen Jahres gelohnt hat. Unter mitreißenden Samba-Rhythmen rollen die prunkvollen Wagen über die Strecke. Auf ihnen tanzende, gut­gewachsene Menschen beiderlei Geschlechts. Ein wogendes Meer von Farben und Fröhlichkeit Strahlende Königinnen, ­deren traumhafte Verkleidungen sich durch eine gewisse Textilarmut auszeichnen. Kräftige Kerle, denen harte Arbeit im Sportstudio gut anzusehen ist. Und drumherum vier bis sechs­tausend Tänzerinnen und Tänzer der Sambaschulen mit tollen Choreo­grafien, glitzernden Kostümen, in ­einem wogenden Meer von Farben und Fröhlichkeit. Auf den Rängen feierndes und jubelndes Publikum. Aber auch vierzig gestrenge Punktrichter, die den Aufzug nach Präzision, Schwierigkeitsgrad und Ideenreichtum bewerten. Die Schulen sind in vier Ligen aufgeteilt. Der besten aus der heiß umkämpften ersten Liga winkt der Aufstieg in die „Grupo Especial“ – in den Olymp der Sambaschulen. Dieser Sieg wird als letzte Veranstaltung im Sambódrom noch einmal enthusiastisch gefeiert – mit einem spektakulären Aufzug, mit einem Feuerwerk, mit Tanz und Musik bis in den frühen ­Morgen.

tl_files/contao-ready-theme/content/reportagen/action/riodejaneiro/rio_embratur_sambadromo_311.jpgDann kehrt Rio de Janeiro zurück zum Alltag. Putzkolonnen kehren Müll und Konfetti zusammen. Die letzten Tänzer packen die ramponierten Kostüme ein und fahren mit der U-Bahn nach Hause. Die Karnevals-Touristen verlassen ihre Hotels. Tristesse? Wenn überhaupt, dann nur für einen ganz kurzen Moment. Und schon liegt wieder Samba-Rhythmus über der Stadt am Zuckerhut. Neue Karnevalswagen müssen geplant und gebaut werden, neue Kostüme ent­worfen und geschneidert. Und das Jahr ist so kurz.

Rio de Janeiro ReiseangebotRio Karte

Vier Übernachtungen mit Frühstück im Mittelklasse-Hotel „S. A. Copacabana“ (optional auch im „Porto Bay Rio Internacional“ der Komfortklasse), Eintrittskarten für das Sambadromo, eine Stadtrundfahrt in Rio de Janeiro sowie Transfers – dieses „Karneval in Rio“-Paket bietet Meier‘s Weltreisen vom 5. bis 9. März 2011 an. Preis: ab 2.160 € pro Person im DZ inklusive Flug ab/nach Deutschland.

 

Rio de Janeiro Länderinfos

Beste Reisezeit: Mai bis November. Juli und August sind besonders trockene Monate. Von Dezember bis Februar herrscht in Rio Sommer. Dann ist es feucht-heiß und die Brasilianer haben Ferien.
Klima: Tropisch. Die Temperaturen sinken auch in den Wintermonaten (Juni-September) kaum unter 18 °C.
Sprache: Portugiesisch. Vereinzelt wird auch Englisch gesprochen.
Zeit: MEZ minus 4 Stunden.
Geld: Real (BRL). 1 EUR = 2,28 BRL. Kreditkarten werden in guten Hotels immer akzeptiert.
Dokumente: Reisepass, der noch mindestens 6 Monate gültig ist. Bei der Einreise erhält man ein Touristenvisum, das 90 Tage gültig ist.
Gesundheit: Der Abschluss einer Auslandskrankenversicherung ist ratsam. Trotzdem müssen Behandlungen vor Ort zunächst bar oder mit Kreditkarte bezahlt werden. Achten Sie auf Lebensmittelhygiene, um Durchfall zu vermeiden. Motto: Koche es, schäle es oder vergiss es! Kein Leitungswasser trinken.
Essen & Trinken: Bekannte Gerichte sind Churrasco (Fleisch vom Spieß) und Feijoada, ein Eintopf aus schwarzen Bohnen und Fleisch. Desserts sind oft sehr süß, z. B. Doce de leite (wie Creme caramel), Pudim de leite (aus Kondensmilch und Karamellsirup) oder Quindim (Pudding mit Kokos und Ei). Auch bei uns weiß inzwischen jeder, was ein „Caipi“ ist, aber nur in Brasilien schmeckt der Caipirinha merkwürdigerweise authentisch. Ebenfalls sehr beliebt: Batida de Côco – Kokosmilch, Rum und Zucker. Alkoholfrei sind Sucos (Fruchtsäfte), Caldo de Cana (Zuckerrohrsaft) und Água de Côco (Saft der Kokosnuss). Anregend wirken das Erfrischungsgetränk Guaraná und Mate-Tee.
Restaurants: Eine Art Institution ist die „Confeitaria Colombo“, Rua Goncalves Dias 32. In Belle Epoque-Atmosphäre werden traditionelle Gerichte serviert.
Sehenswert: Pão de Açúcar (Zuckerhut), das Wahrzeichen der Stadt. Spektakulär ist es, auf dem Gipfel den Sonnenuntergang zu erleben; Corcovado, der 710 Meter hohe Hausberg mit der berühmten Statue von Jesus Christus, der seine Arme über die Stadt ausbreitet; der Strand der Copacabana; Avenida Rio Branco, eine Prachtstraße mit dem Teatro Municipal und anderen bedeutenden Gebäuden; Igreja e Mosteiro de São Bento, ein Kloster des Benediktiner Ordens mit schöner Barockkirche; Jardim Botânico, der Botanische Garten.
Unbedingt machen: Eine Fahrt mit der Bondinho (antike Straßenbahn) durch das Villenviertel Santa Teresa unternehmen. Hinter die Kulissen des Karnevals schauen. In den Hallen der Cidade do Samba kann man zusehen, wie die Wagen für den Karneval gebaut werden.
Unbedingt vermeiden: Sightseeing in den Favelas, den Armenvierteln. Dort herrscht eine hohe Kriminalität und gelegentlich kommt es zu Straßenkämpfen zwischen Polizei und gewaltbereiten Einwohnern.
Beliebte Mitbringsel: Auf dem Hippie-Fair-Market in Ipanema, sonntags 9-18 Uhr, werden Sie fündig.
Literatur: „Top 10 Rio de Janeiro“, Dorling Kindersley, Reiseführerverlag, 9,95 €.
Auskünfte: Brasilianisches Tourismusbüro, Börsenplatz 4, 60313 Frankfurt, Tel. 069/97 50 32 51, http://www.embratur.gov.br.

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