Tallinn
Europas´s Kulturhauptstadt 2011
von Susanna Koska
Schauen, Shoppen, Schlemmen – und Feiern. Besonders im Sommer, wenn die Tage endlos zu sein scheinen und die Nächte kurz sind. Und das inmitten einer Kulisse, die jedem Historienfilm gerecht wird. Wer übers Kopfsteinpflaster der Altstadtgassen bummelt, fühlt sich wie ins Mittelalter katapultiert. Kaufmanns-Läden, Lagerhäuser, Kirchen. Alles aus vergangenen Zeiten. Dabei ist Tallinn längst mindestens in der Gegenwart angekommen. Doch dazu später …
Wie kriegen diese Esten es bloß hin, dass Tradition und Moderne hier so perfekt miteinander harmonieren? Selbst der museale Aspekt kommt ganz trendy daher. In Katharinental außerhalb der Stadtmauern steht in einträchtiger Nachbarschaft zum Barockschloss Kadriorg seit 2006 der ultramoderne Bau des Kunstmuseums – „KuMu“. Aktuelle Videoinstallationen und alte Meisterwerke aus dem 18. Jahrhundert buhlen hier auf 5.000 Quadratmetern um Aufmerksamkeit.
In der Altstadt leuchten steinalte Gebäude in bonbonfarbenen Pastelltönen, während die Mitternachtssonne sich ringsum in den Glasfronten der Wolkenkratzer spiegelt. Vielleicht liegt es am estnischen Motto „Igal asjal on algus ja lõpp“. Das heißt so viel wie „Alles hat seinen Anfang und sein Ende“. Ja, der stete Wandel ist den Esten seit Jahrhunderten vertraut. Den grauen Ostblock-Muff jedenfalls haben sie längst abgeschüttelt. Höchste Zeit, sich einen Überblick v
om Tallinn der Gegenwart zu verschaffen, das in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas ist. Am besten geht das von der Oberstadt aus. An der Großen Strandpforte starte ich also meinen Spaziergang übers Kopfsteinpflaster hoch zur Dicken Margarete, dem größten der noch erhaltenen 19 Wehrtürme in der alten Stadtmauer. Himmel und Meer wetteifern im nordischen Licht um das weichere Blau. Hier am Domberg residierte früher der Bischof. Heute ist es Regierungssitz, haben sich Parlament, Banken und Botschaften angesiedelt. Alles hübsch anzusehen, aber der Blick auf das Puzzle aus roten Ziegeldächern lockt mich ins Gassengewirr der Unterstadt. Dort pulsiert seit jeher das Herz Tallinns. Und vor den Russen waren auch schon die Schweden, Dänen und Deutschen da. Zu Zeiten der Hanse, als die Stadt noch Reval hieß – bis 1918. Deutsche Kaufleute handelten mit Salz aus Lüneburg, kauften Pelze aus Russland. Bis heute reihen sich in der Straße Pikk die Gildehäuser aneinander. Prächtige Fassaden, Türklopfer in Löwenform, mächtige Portale erzählen Geschichte. Das Schwarzhäupterhaus mit der riesigen, dunkelgrünen Doppeltür war Sitz der ledigen Kaufleute.
Die gesamte Unterstadt – eine einzige Partymeile
Längst sind überall Bars, Cafés und Restaurants eingezogen. Die Tische stehen vor den Türen, in den schmalen Gassen wird gefeiert – und in diesem Sommer nonstop. Mehr als 220 offizielle Veranstaltungen stehen an, darunter das Sänger- und Tanzfestival für Jugendliche und der 75. Geburtstag des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Er feiert seinen Geburtstag mit der Uraufführung seines neuen Werkes „Aadama itk“ im September. So viel zum offiziellen Programm. Doch auch ohne das zeichnen sich die 400.000 Einwohner durch gastfreundliche Feierlaune aus. Bevor ich mich unters Partyvolk mische, rasch zur Stärkung auf einen kräftigen Espresso ins „Café Maiasmokk“. Eine alte Schokoladenmanufaktur von 1864. Dann bin ich auch schon an Tallinns gotischem Rathaus mit seinen drachenförmigen Wasserspeiern, Arkaden und dem achteckigen Turm. Der Wettergott, oder sollte ich besser gleich sagen der „Alte Thomas“, meint es gut mit mir: Die Wetterfahne hat hier die Form eines Landsknechts, und der dreht sich nur ganz leicht in der milden Brise vom Meer.
Mir knurrt der Magen. Also schnell einen Platz im Freien sichern. An die Fassaden der Stadthäuser rund um den Platz schmiegen sich Restaurants. Ich werde im „Kuldse Notsu Körts“, dem „Goldenen Schweinchen“, in einer Seitenstraße fündig. Deftige Blutwurst mit Sauerkraut steht dort auf der Karte. Leckeres „Hüftgold“ dürfte das in jedem Fall sein – und beste Basis für die Nacht. Spätestens ab 21 Uhr ist die gesamte Unterstadt eine einzige Partymeile. Da spielen Bands auf den Straßen und in Clubs, da wird getanzt und geflirtet, als gäbe es kein morgen. Wohin es als nächstes geht?
Das bestimmt hier allein der Rhythmus der Mitternachtssonne. Und die kann tückisch sein. Einige Bars später bin ich beim Blick auf meine Armbanduhr jedenfalls leicht schockiert. Schon halb vier und von Dunkelheit noch keine Spur. Ob diese Freude am Feiern seit Jahrhunderten unverändert ist? Wenn, dann ließ es den russischen Zar offenbar unbeeindruckt. Oder er wollte mehr als ein unübersehbares Zeichen seiner Macht setzen, als er 1894 die Alexander Newski Kathedrale mit fünf Zwiebeltürmen an den Südhang des Dombergs baute. Innen ist sie reich verziert mit Mosaiken und Ikonen. Ihre Glocke wiegt 15 Tonnen – eine gewaltigere gibt es im ganzen Land nicht. Ihren Aberglauben ließen sich die Esten auf diese Weise aber auch nicht vom Zaren austreiben. Noch heute gilt: Gehen Sie bloß nie pfeifend in ein Gebäude. Für Esten steht dann nämlich fest: Das Haus wird abbrennen!
Weltkulturerbe
und voll vernetzt
Wahrscheinlich stammt diese Angst aus dem alten Hafenviertel Kalamaja, das nur ein paar Minuten zu Fuß außerhalb der Stadtmauern liegt. Dort stehen noch etwa 600 historische Holzhäuser, die verziert sind mit feinen Schnitzereien. Fast dörflich wirkt es dort direkt am Wasser. Weshalb sich in den vergangenen Jahren viele junge Familien und Künstler angesiedelt haben. Ach ja, die Zeugen der Vergangenheit … Kein Wunder, dass die Unesco Tallinns Altstadt 1997 zum Weltkulturerbe erklärte.Dabei basteln die Esten nicht nur unermüdlich an Historie und Gegenwart, sondern sind längst in der Zukunft angekommen. Selbstverständlich wird schon seit langem per Skype (übers Internet) telefoniert, seit es hier von Ahti Heinla und Jaan Tallinn erfunden wurde. Beide sind sich sicher: Die Telefonie am Bildschirm werde sich überall durchsetzen. Fast als wären sie überzeugt davon, dass man sonst ja gleich wieder Rauchzeichen geben könnte. Schließlich ist es noch nicht lange her, seit das ganze Internet als absurde Idee für eine Minderheit dargestellt wurde. Inzwischen gilt ein Leben ohne Netz international als undenkbar. Und kaum ein Land nutzt die Möglichkeiten der modernen Kommunikation intensiver als Estland. Es beginnt damit, dass in Tallinn alle Schulen am Netz sind. Banküberweisung am Schalter oder zeitraubende Behördengänge? Die Esten erledigen das zu 90 Prozent online. Offenbar scheint ihnen die Angst vor Sicherheitslücken völlig fremd zu sein. Ganz selbstverständlich werden Urkunden oder Elterngeld per Computer beantragt. Da passt es gut ins Bild, dass es mehr Mobiltelefone als Einwohner gibt, Parktickets oder Busfahrscheine per sms ausgestellt werden. Was für ein Gewinn an Zeit – nicht nur zum Feiern, sondern für mehr Lebensqualität.
Reiseangebot
Während der viertägigen Standortreise „Mittelalterliches Tallinn“ aus dem Katalog von Dertour erkunden Sie die märchenhafte Hauptstadt Estlands und das barocke Schloss Kadriorg. Auf dem Programm mit deutsch-sprechender Reiseleitung stehen ein dreistündiger Stadtrundgang durch die wunderschöne Altstadt mit Besichtigung des Doms und der Besuch des nahe gelegenen Barock-Schlosses Kadriorg mit seiner idyllischen Parkanlage. Sie übernachten entweder im „Hotel L‘Eremitage“ (3 Sterne) oder im „The von Stackelberg Hotel Tallinn“ (4 Sterne), beide nur fünf Gehminuten zur Oberstadt entfernt gelegen. Reisetermine: täglich vom 1.1. bis 31.12.2011. Preis: 3 x Ü/F im DZ plus 1 x Abendessen inklusive Ausflugsprogramm ab 229 Euro pro Person bei eigener An- und Abreise. Weitere Tagesausflüge wie Stadtrundfahrt, Besuch des Nationalparks Laheema und des Museums „Rocca al Maare“ sind zubuchbar. Information und Buchung
Informationen
Beste Reisezeit: Mai bis September sind die schönsten Monate, um Tallinn zu erkunden.
Klima: Kontinental. Im Sommer angenehm warm (Durchschnittstemperatur bei 16 °C). Das Thermometer kann aber auch deutlich über 26 °C steigen. Der Herbst ist lang und regenreich, der Winter kühl mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt.
Sprache: Estnisch. Auch Russisch, Finnisch und Englisch sind verbreitet.
Zeit: MEZ plus 1 Stunde.
Geld: Euro (seit 01. Januar 2011).
Dokumente: Personalausweis genügt.
Gesundheit: Es wird für die Einreise eine gültige Krankenversicherung erwartet. Die Notrufnummer lautet auch in Estland 112. Die Linnaapteek ist eine Notfallapotheke, die die ganze Nacht geöffnet hat (Pärnu mnt 10).
Essen & Trinken: Die estnische Küche zeigt sowohl russische als auch finnische und deutsche Einflüsse. Kartoffeln, Sauerkraut und Schweinfleisch gehören zu den Grundpfeilern der estnischen Küche. Milchprodukte spielen ebenfalls eine große Rolle, z.B. Saure Sahne, Kefir, Hüttenkäse und Quark. Traditionell wurden die Speisen geräuchert oder eingelegt, um sie länger haltbar zu machen. Und so findet man geräuchertes Fleisch (Schinken und Salami), Fisch und sogar geräucherten Käse auf der Speisekarte. Aus der Ostsee kommt frischer Fisch. Ein beliebtes Fischgericht ist Hering mit gekochten Kartoffeln, Saurer Sahne und Zwiebeln. Andere estnische Gerichte sind Blutwurst (Verivorst), geliertes Schweinefleisch (Sult), marinierter Aal, eingelegte Heringe mit Rüben (Rossolye), gekochtes Sauerkraut (Mulgikapsad), Erbsen- und Linsensuppe mit Rauchfleisch. Kamamehl (geröstetes Getreide) wird mit Milchprodukten zu einem (Frühstücks-) Brei angerührt. Ein leckeres Dessert ist der Kräsupea-Kuchen. Bier estnischer Brauerein sind Saku und A. Le Coq, Hochprozentiges ist Viru Valge, Saaremaa Wodka, Vana Tallinn.
Restaurants: Moderne estnische Küche in der Altstadt, Kaerajaan Raekoja plats 17, www.kaerajaan.ee.
Sehenswert: Die historische Altstadt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe: Schloss auf dem Domberg (heute Sitz des estnischen Parlaments) und Turm Langer Hermann, St.Marien Domkirche, St. Katharinenepassage, Freiheits- und Rathausplatz, St. Olaikirche und Turm (159 m; war einst höchstes Gebäude der Welt), Stadtmauer, Sängerfestwiese. Rotermannviertel zwischen Altstadt und Hafen – renoviertes Viertel mit moderner Architektur. Der noble Stadtteil Kadriorg mit Schloss Katharinental und schönem Park.
Unbedingt machen: Spaziergang durch die Altstadt auf geführter Tour oder individuell mit einem Audio-Guide, den man im Stadtmuseum leihen kann.
Unbedingt vermeiden: Sich nicht an die Gepflogenheiten des Landes anpassen. Die Esten sind ruhig, zurückhaltend, pünktlich und stolz auf ihr Land – das sollte man respektieren.
Beliebte Mitbringsel: Bernsteinschmuck, estnisches Marzipan, Süßwaren des Herstellers Kalev, estnischer Likör Vana Tallinn.
Literatur: „CityTrip Tallinn“ von Heli Rahkema u.Thorsten Altheide, Verlag Reise Know how, 9,80€.
Auskünfte: Übersichtliche und informative Webseite des Tallinn City Tourist Office & Convention Bureau, www.tourism.tallinn.ee.
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