Victoria
Australien´s tiefer Süden
von Christina Buhk
Genau davon habe ich schon oft geträumt: Schluss mit „entweder oder“. Endlich nur „und“: Moderne Städte und historische Dörfer, Gebirge und Strand, Landwirtschaft und Dschungel. Fast zu schön, um wahr zu sein. Und doch ist der Süden Australiens Wirklichkeit. Genauer gesagt: Victoria, nach Tasmanien der zweitkleinste Bundesstaat in Down Under, knapp so groß wie Deutschland. Benannt nach der britischen Königin, der die Kolonie Australien bis ins 20. Jahrhundert hinein unterstand. Der Atem dieser Geschichte weht heute noch durch die Hauptstadt Melbourne. Hier starte ich zu meiner Tour auf einer der wohl schönsten Autostraßen der Welt: Great Southern Touring Route. Ich bin gespannt, ob die vielen schwärmerischen Berichte wirklich halten, was sie versprechen. Zumindest in Melbourne es lässt sich schon mal gut an. Die Stadt ist ein echter Schmelztiegel, in dem Multikulti dank der vielen Einwanderer aus Europa und Asien kein Schimpfwort ist, sondern gelebte Vielfalt. Genauso bunt gemischt ist das Stadtbild. Großzügige Parks, faszinierende Alt- und Neubauten im Wechsel, eine von Glaspalästen bestimmte Skyline. Doch Melbournes Herz schlägt viel weiter unten: an der „Flinders Street Station“. Der wunderschöne alte Hauptbahnhof mit seinen sandfarbenen Mauern und grünen Kuppeln liegt nahe am Yarra River. "I´ll meet you under the clocks!" Hier treffen sich die Melbournians, wenn es heißt: „I‘ll meet you under the clocks“. Denn über dem Haupteingang zeigen mehrere Uhren die jeweiligen Abfahrtszeiten der Züge an. Und selbst als eingefleischter Autofahrer gönne ich mir spontan eine Runde mit der kostenlosen Straßenbahn. Deren Schienennetz gehört mit knapp 240 Kilometern Länge übrigens zu den größten der Welt! Es gäbe sicher noch viel mehr zu sehen in dieser Stadt, die als eine der lebenswertesten auf unserem Planeten gilt. Aber mich zieht es hinaus auf die Route. Ich möchte einen Rundkurs fahren: über die Küstenstraße runter nach Apollo Bay, weiter nach Port Fairy, rauf nach Halls Gap und über Ballarat zurück nach Melbourne. Alles in allem wäre die Strecke wohl gemütlich an einem Tag zu schaffen, aber ich bin ja nicht auf der Flucht.
Bevor es losgeht, decke ich mich noch mit ein paar Vorräten ein. Vor allem Wasser, Lebensmittel und Benzin können auf halber Strecke doppelt oder sogar dreimal so teuer werden wie sonst üblich, hat man mir erzählt. Bis zu meinem ersten Stopp in Geelong ist es ungefähr eine Stunde. Zeit genug, um sich an den Linksverkehr zu gewöhnen. Und um das Tempolimit von im Schnitt 100 km/h außerorts nicht zu berschreiten. Was neben den Nerven auch die Reisekasse schont. Denn die Polizei kassiert schon für einen nichtangelegten Sicherheitsgurt mal eben umgerechnet rund 150 Euro, wurde ich gewarnt. Bis Geelong fahre ich sozusagen über Land. Ein bisschen Grün, ein wenig Landwirtschaft hier und da, nichts Aufregendes. Geelong, die zweitgrößte Stadt von Victoria macht da schon mehr her. Der Hafen an der Corio Bay ist hübsch ausgebaut mit gefälliger Pier, dem Strand und den historischen Gebäuden wie der alten Post. Das einst eher verschlafene Örtchen verdankt seinen Wachstum dem Goldrausch Mitte des 19. Jahrhunderts. Als es damit vorbei war, besannen sich die Bürger auf die Schafzucht und lieferten feinste Wolle nach England. Und bis heute gilt Geelong-Lammwolle von Tieren, die nicht älter als sieben Monate sind, als eine der hochwertigsten der Welt! Kurz hinter Geelong erreiche ich Torquay und damit den offiziellen Anfang der Great Ocean Road. Und die trägt ihren Namen weiß Gott zu Recht! Ich kann mich gar nicht sattsehen an der kurvenreichen Strecke und ihren phänomenalen Aussichten.
Zum Glück ist außer mir kaum jemand unterwegs, so dass ich teilweise im Schneckentempo fahren und die Bilder regelrecht einsaugen kann: links der südliche Indische Ozean, Felsküste und Traumstrände, rechts Berghänge begrünt mit dichtem Regenwald. An dieser Strecke reihen sich die Schönheiten wie Perlen auf einer Schnur aneinander: Surfer-Paradiese, kleine gemütliche Dörfer, Naturschutzgebiete. Das begeisterte Seufzen will kein Ende nehmen. Wollte ich nicht mal auswandern …? Nach mehreren kurzen Stopps lege ich in Princetown eine längere Pause ein, um die Gegend zu Fuß etwas intensiver zu erkunden. Insbesondere möchte ich die berühmten Zwölf Apostel sehen, jene bis zu 60 Meter hohen, skurrilen Felsformationen im Meer. Natürlich wieß ich, dass ich zu spät komme, um alle zu sehen: Es gibt nur noch acht Apostel. Die anderen h
at sich ja das Meer schon einen nach dem anderen geholt. Wie in den Jahrhunderten zuvor auch etliche Schiffe. Als ich oben über den Klippen stehe und die Augen schließe, höre ich in der tosenden See Holzplanken ächzen. Ehe der Hauptmast des Großsegels bricht und scharfkantige Felsen den Bug des Schiffes aufreißen. Ja, die liebe Fantasie. Die wird noch mal nachträglich in Warrnambool angeheizt. Denn das Städtchen hat einen Hafen aus dem 19. Jahrhundert nachgebaut: Flagstaff Hill Maritime Museum & Village. Noch mehr ziehen mich allerdings die Wale in ihren Bann. Von einer Aussichtsplattform aus kann ich tatsächlich einige knapp 20 Meter lange Glattwale beobachten! Schön, die Tiere hier so friedlich schwimmen zu sehen – nachdem sie rund 150 Jahre lang auch hier gejagt wurden, ebenso wie Robben. Und noch ein paar anderen Tierarten begegne ich das erste Mal in freier Wildbahn. Zum Teil recht zutrauliche Koala-Bären, Emus und Kängurus leben hier im Reservat Tower Hill.
Ab Port Fairy verlasse ich die Küste und fahre ins Hinterland. Mein Ziel ist Halls Gap, direkt im Grampians Nationalpark. Die Sandsteingebirge hier sollen bis 400 Millionen Jahre alt und vom Meer bedeckt gewesen sein. Erneut lasse ich das Auto für ein paar Tage stehen und wandere. Vie Apostel fielen dem Ozeam zum Opfer Die Auswahl an Wanderwegen ist enorm groß und verlockend. Auf 200 Kilometern gepflegter Pfade gibt es atemberaubende Canyons, Wasserfälle, Aussichtspunkte – und Weinanbau! Lohn für meine Mühe: Neben herrlicher Flora und Fauna entdecke ich Felsmalereien der Ureinwohner, die über 20.000 Jahre lang hier lebten, bevor Einwanderer sie vertrieben. Di
esen bitteren Nachgeschmack spüle ich mit einem guten Roten aus der Region runter. Mein letztes Etappenziel ist Ballarat, der ehemalige Mittelpunkt des Goldrausches. Hier starben beim so genannten Eureka-Aufstand im Jahr 1854 über 20 Goldsucher. Sie hatten gegen Repressalien, hohe Gebühren und für mehr Gerechtigkeit protestiert. Ebenfalls hier wurde 1858 ein über 60 Kilo schwerer Nugget gefunden, der drittgrößte Australiens. Historische Atmosphäre schnuppere ich in der nachgebauten Goldgräberstadt Sovereign Hill. Leider finde ich weder beim Goldwaschen am Fluss noch in einer unterirdischen Mine ein Goldstück. Aber eigentlich habe ich meinen Schatz ja längst im Sack: eine Fülle wunderbarer Eindrücke, von denen ich noch meinen Enkeln vorschwärmen werde. Denn nun gehöre ich auch zum Kreis derer, die bis an ihr Lebensende immer wieder gern erzählen, wie es damals war – auf der schönsten und abwechslungsreichsten Autorouten, die der fünfte Kontinent einem reisefreudigen Menschen zu bieten hat.
Reiseangebot
Beste Reisezeit: Der australische Sommer, also zwischen Dezember und März.
Klima: Victoria liegt in einer gemäßigten südlichen Klimazone, so dass es im australischen Sommer durchschnittlich 25 °C warm ist und weitgehend niederschlagsfrei. Der Winter (Juni bis August) ist mit Temperaturen um den Gefrierpunkt recht milde.
Sprache: Englisch, oft allerdings mit starkem Akzent.
Zeit: MEZ plus 9 Stunden.
Geld: Austral. Dollar (AUD), 1 EUR = ca. 1,40 AUD.
Dokumente: Reisepass mit einem Visum, das vorher vom Reisebüro oder der Fluggesellschaft elektronisch ausgestellt werden kann. Wichtig für Autofahrer: Internationaler Führerschein oder offizielle Übersetzung des deutschen Führerscheins.
Gesundheit: Die Versorgung ist gut, muss aber bezahlt werden. In kleineren Orten behandeln praktische Ärzte, in Städten gibt es modern eingerichtete Krankenhäuser.
Essen & Trinken: Eine traditionelle Küche gibt es nicht. Als klassisch gelten Fleisch mit Veggie (vegetable = Gemüse), Meat Pies (kleine gefüllte Pasteten) und Tee. Beliebt ist das Barbecue, an der Küste frischer Fisch. Außerdem wird guter Wein angebaut – und getrunken. Manche Restaurants haben keine Lizenz, zum Alkoholausschank und verweisen daher auf BYO – „Bring Your Own“. Jeder Gast möge sein Getränk mitbringen.
Restaurants: Frischen Fisch serviert die „Melbourne Oyster Bar“, 209 King Street.
Unbedingt machen: Wein-Tour (Tagestour mit Verkostung), immerhin gibt es über 20 verschiedene Weinbauregionen und mehr als 350 Weingüter in Victoria! Ausgiebig durch Melbourne bummeln und mit der kostenlosen Straßenbahn fahren.
Sehenswert: Werribee Park mit Rosengarten und Zoo; Otway Fly Treetop Walk, eine 600 m lange Stahlkonstruktion auf 25 m Höhe durch die Baumwipfel; Apollo Bay, schöne Bucht zum Relaxen; Twelve Apostles, aus dem Meer ragende Kalkstein-felsen; Grampians National Park: Wildblumen, Wasserfälle, traumhafte Aussichtspunkte und in den Felsen geschlagene Aborigines-Kunst; Ballarat, das ehemalige Zentrum des Goldrausches in Australien; Phillip Island: Pinguin-Parade am Strand.
Unbedingt machen: Wale beobachten in Warrnambool.
Unbedingt vermeiden: Wasser verschwenden; Sonnenschutz vergessen.
Beliebte Mitbringsel: Wein, Kunsthandwerk der Aborigines und Didgeridoos, Opale, Honig, Käse.
Info: Tourism Victoria, Neue Mainzer Str. 22, 60311 Frankfurt, Tel. 069/297 40 06 77; www.german.visitmelbourne.com.
Reiseinformationen
Unter dem Titel „Faszination des Südens auf eigene Faust“ bietet Dertour eine 20-tägige Flugpauschal-reise inkl. Mietwagen der Kategorie B an. Die Gesamtstrecke verläuft von Sydney über Canberra, Melbourne und Port Campbell bis Adelaide. Es sind aber auch verschiedene Teilstrecken buchbar. Preis: ab 2.550 € pro Person im DZ. Information und Buchung
Fotos: Victoria Tourism
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