Warnemünde

Klassenfahrt-Feeling

von Anja M. Schmutte

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Weit reicht der Blick aus der siebten Etage des Turmzimmers über die Ostsee. Am Horizont ziehen Schiffe vorüber, während das im Sonnenlicht glitzernde Meer sanft an den Sandstrand plätschert. Die ­Dünen sind nur ein paar Schritte entfernt. Eine Toplage. Im Zimmer frisch bezogene Betten, Wasser, etwas Obst und Süßes auf dem Tisch. Im blütenweißen Bad liegen Handtücher, Zahncreme, Seife und Duschgel bereit. Schließlich ist meine Unterkunft mit fünf Sternen ausgezeichnet. Und das inklusive Frühstück für 23,50 Euro pro Person und Nacht plus Premiumpaket für 6 Euro. Dafür sind dann bezogene Betten und weitere kleine Aufmerksamkeiten drin. Willkommen in der Jugendherberge Rostock-Warnemünde. Jugendherberge? Ganz richtig. Denn wer heute noch an Massenschlafsaal, kratzige Decken, morgens und abends Hagebuttentee in allen Variationen, geschmacksneutrales Essen und „Licht aus“ um 22 Uhr denkt, dürfte ähnlich schiefgewickelt sein wie ich, bevor ich hier eingecheckt habe. Dabei ist man längst jenseits von Hagebuttentee angekommen. Doch es sind die alten Vorurteile, gegen die der Verband kämpfen muss. Na ja, ein bisschen jedenfalls. „Wir sind eine Jugendherberge und wollen es auch bleiben“, stellt Mit­arbeiterin Ilona Körner klar, als ich an der Rezeption doch etwas irritiert ­wegen der Betten nachfrage. Beim Buchen eines Doppelzimmers mit eigenem Bad hatte ich, etwas naiv vielleicht, zwei ebenerdige statt Etagenbetten erwartet. Aber gerade die sind Standard und gehören zum speziellen Charme, den besonders Familien seit einiger Zeit zunehmend zu schätzen ­wissen.

Hier muss in erster Linie zunächst ­alles praktisch sein. Und der Erfolg gibt dem Verband recht. Ilona Körner: „Gut 60 Prozent unserer Gäste sind Wiederholer, allein bei den Familienfreizeiten im Sommer.“ Eine Quote, die manchen Hotelier neidisch machen kann. Gerade kommt ein neuer Gast an, lässt sich den Zimmerschlüssel geben. Noch bevor Ilona Körner den Weg erklären kann, sagt die Frau lächelnd: „Ich weiß, wo ich lang muss.“ Ganz klar, einer dieser „Wiederholungs­täter“. Wer früher mit seinen Kindern da war, kommt später ohne sie wieder. Denn unkomplizierter als hier geht es in keinem Hotel zu. Da darf man abends zum Essen getrost in Bade­latschen und Jogginganzug auftauchen. Und anders als im Ferienhaus muss der Urlauber nicht in der Küche stehen. Ein Hauch von Nostalgie Das erledigt der Koch. Beim Begriff Jugendherberge spukt einem jede Menge Nostalgisches im Kopf herum. Strenge, aber gerechte Herbergseltern, heimliches Über-die-Gänge-schleichen, Gemeinschafts­duschen. Meine letzte Klassenfahrt liegt jedenfalls etliche Jahrzehnte zurück und ich fühle mich plötzlich 30 Jahre jünger. Erstmal nicht gerade der schlechteste Effekt. Darüber, dass es auf dem Zimmer kimageeinen Fernseher gibt, habe ich auch den Computer in der Lobby glatt vergessen. TV? Internet? E-Mails? Das scheint ganz weit weg und vor allem total unwichtig. Kein Wunder, dass gerade Familien dieses auf das Wesentliche beschränkte schätzen. Es geht um viel mehr, als einfach nur Urlaub zu machen. Im ­Fokus steht, miteinander etwas zu erleben, die Natur zu genießen. Außerdem lernen Kinder ganz nebenbei noch jede Menge in Sachen Sozialverhalten. Vor dem Vergnügen, zum Beispiel eine Partie Billard nach dem Essen, steht die Pflicht. In der Jugendherberge muss jeder mal anpacken. Das merke auch ich, doch dazu später. Leise quietscht der Boden unter ­meinen Sohlen, als ich mich um 18 Uhr gespannt auf den Weg zum Speisesaal mache. Gerade mal 90 Plätze plus ­Wintergarten. Und das bei 228 Betten. In der Hauptsaison kann das ganz schön eng werden. Aber heute sind nur Fußballer vom SV Armenia Magdeburg und ein paar Familien da, die Hauptklientel der Jugendherbergen in Mecklenburg-Vorpommern, abgesehen von den Schulgruppen. Ehrlich gesagt, an das Essen von den Klassenfahrten habe ich noch sehr deutliche Erinnerungen. Und es sind nicht wirklich gute. Umso erstaunter bin ich jetzt. Fotos mit Meer- und Schiffsmotiven an den Wänden schaffen eine maritime Atmosphäre. Auf den Tischen stehen heimelige Blumensträußchen. Statt der Essensausgabe von einst erwartet mich jetzt ein Salatbuffet mit verschiedenen Dressings zur Auswahl. Als Hauptgericht gibt es ­Cordon bleu, Kartoffelpüree und verschiedene Gemüsearten. Danach als Dessert noch eine Buttermilchcreme. Deftig, aber lecker. Genau richtig nach einem aktiven Tag am Wasser. Und die Getränke? Wer über 18 Jahre ist, kann sich an der Rezeption Wein oder Bier holen. Ansonsten gibt es ­Wasser, Säfte - und Tee, frisch zum Aufbrühen in sämtlichen Variationen von Grün über Fenchel bis Schwarz. Alles, nur keinen Hagebuttentee. Aber einen alten Bekannten finde ich dann doch: Der Karo-Kaffee hat den Einzug der modernen Zeiten überlebt! Der zweite alte Bekannte lauert etwas verschämt an der Durchreiche für das benutzte Geschirr. Und er mahnt die kleinen Pflichten an. Putziger Weise brauchen Kinder hier allerdings gar keine Ermahnungen. Ganz selbst­verständlich greift sich ein kleines Mädchen den Lappen und wischt den Tisch, an dem sie eben mit ihrer Fa­milie gegessen hat, damit er für die nächsten Gäste wieder sauber ist. Kein Geschrei, keine Diskussionen. image

Ein anderer Junge wartet schon auf seinen Einsatz. Mit Feuereifer sind die beiden dabei. Ich verstehe. Apropos Feuer: Im Sommer wird draußen gegrillt und man sitzt am knisternden Lagerfeuer. Romantisch, wenn dann auch noch jemand die ­Gitarre auspackt und singt. Wer allerdings glaubt, dabei gemütlich eine Zigarette rauchen zu können, hat die Rechnung ohne den Herbergsvater – pardon, Herbergsleiter heißt das heute korrekt – gemacht. Hier rauchen nur die Holzscheite. Egal ob man 16 oder 60 Jahre alt ist. Fernseh-, computer- und nikotinfreie Zone Auf dem gesamten Gelände ist das Rauchen verboten, im Gebäude sowieso. Was soll’s? Sportliche Familienväter liefern sich sowieso ­lieber ein Tischtennis-Match mit dem Nachwuchs. Doch es wäre irgendwie keine Jugendherberge, wenn es nicht auch hier ­einen Schlupfwinkel gäbe. Und so ist die Bushaltestelle direkt vor dem Haus für den, der es braucht, ein wenig die inoffizielle Raucherecke – ganz so wie damals auf Klassenfahrt. Am nächsten Morgen mache ich schnell mein Bett. Dann staune ich über das üppige Frühstücksbuffet. ­Frische Brötchen, reichlich Auswahl an Käse, Aufschnitt, Marmelade, ­deftigen Leckereien wie grobe Leberwurst & Co. Alles da, besser kann es im Hotel auch nicht sein. Schnell noch das Lunchpaket gepackt, das ich für 5,50 Euro bestellt habe. Etwas zu trinken, Müsli-Riegel, Obst und was ich sonst noch so vom Buffet mag, sind drin. Zeit für das Mittagessen habe ich heute nicht, ich will lieber auf Tour gehen. Schließlich liegt mir in Rostock-­Warnemünde mehr als nur der 15 Kilometer lange Strand zu Füßen. Mein erstes Ziel: Der Kletterwald Hohe Düne, immerhin der größte in Norddeutschland, direkt am Strand gelegen mit Netzbrücke, schwankenden ­Bohlen und Seilartistik von Baum zu Baum in schwindelerregender Höhe. Insgesamt sind es 111 Elemente die es zu absolvieren gilt. Für zwei bis drei Stunden ­garantiert das jede Menge ­Action. Und danach bin ich ziemlich erledigt, gönne mir noch einen Besuch imimage Schifffahrtsmuseum, mache eine Hafenrundfahrt und flaniere am Kreuzfahrerkai. Zurück an der Jugendherberge steuere ich dann doch noch wie von Zauberhand gelenkt den Strand an. Nur ein paar Schritte, ab durch die Dünen und schon stehe ich am Wasser. In der ­Nebensaison pustet einen die steife Brise durch, im Sommer beten wenige Meter weiter die FKK-Fans die Sonne an. Wetter zum Drachen steigen lassen ist eigentlich immer. Während ich am Strand entlang ­spaziere, träume ich, es wäre schon August. Denn das ist die Zeit für die Hanse Sail mit der großen Wind­jammerparade. Noch so ein Stück Nostalgie, das hier so gut herpasst und in der die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Vielleicht sollte ich dafür in der Jugendherberge schon mal reservieren – natürlich das Turmzimmer im siebten Stock.

Reiseangebot

imageBeste Reisezeit: Ganzjährig.
Klima: Maritimes Klima an der Küste, kontinental gemäßigtes Klima im Binnenland. Die Sommer sind mild, die Winter kühl und feucht.
Sprache: Hochdeutsch. Ältere Menschen verständigen sich noch auf Plattdeutsch.
Dokumente: Angelscheine können Sie bei der Touristeninformation erwerben.
Gesundheit: Das Ostseeklima ist als Reizklima bekannt. Die salzige und feuchte Seeluft, geringe Temperaturschwankungen und lange Sonnenscheindauer wirken auf den Organismus heilsam. Die Aerosole in der Luft wirken positiv bei Menschen mit Atembeschwerden.
Essen & Trinken: Typische Fischgerichte sind Rostocker Kutterscholle, Matjes mit Pellkartoffeln und Speckstippe. Beliebte Snacks sind Backfisch mit Kartoffelsalat, Fischbrötchen, geräucherter Fisch. Ansonsten ist die Mecklenburger Küche als deftig bekannt – mit Kartoffeln und (Grün-) Kohl. Gern werden süß-saure Gerichte zubereitet, z.B. „Himmel und Erde“ (Kartoffeln, Äpfel und Blutwurst), „Birnen, Bohnen und Speck“ oder „Tüffel und Plum“ (Kartoffelsuppe mit Speck und Pflaumen).
Restaurants: Meyers Mühle, Mühlenstr. 44, Warnemünde – frischer Fisch in alter Mühle. Authentische Seemannskneipe „Zur Kogge“, Wokrenter Str. 27, Rostock – Fr. und Sa. werden Shantys zum Besten gegeben.
Sehenswert: Der 150 m breite Strand ist der breiteste der Ostseeküste, Leuchtturm „Alter Strom“, lebhafter Hafen. Fischmarkt (Sa. und So., 8 bis 18 Uhr). Stadtteil Marktgreifenheide – Wald bis an den Strand. Seepromenade. Vogteigebäude von 1250. Warnemünder Kirche. Westmole – Gischt und Panoramablick auf Warnemünde. Rostock: Historisches Zentrum mit Rathaus, St.Marienkirche und St.Nikolai-Kirche, Stadthafen, Stadtmauer, Ständehaus, Kloster Zum Heiligen Kreuz.
Unbedingt machen: Führung durch das Seebad Warnemünde „Warnemünn ankieken“. Hafenrundfahrt. Events: Warnemünder Woche und HanseSail.
Unbedingt vermeiden: Naturschutz missachten. Betreten Sie abgesperrte Dünen nicht.
Beliebte Mitbringsel: Maritime Souvenirs, Imkereiprodukte, Sanddorn.
Literatur: „Rostock-Warnemünde INSIDE: der Stadtführer“ von A. Meyer, 3,80 €.
Auskünfte: Tourist-Information Rostock-Warnemünde, Tel. 0381/54 80 00, www.warnemuende.de; Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V., Tel. 0381/40 30-550, www.auf-nach-mv.de.

Reiseinformationen

Wer in Jugendherbergen übernachten möchte, braucht eine Jahresmitgliedschaft (12,50 € p.P bis 27 Jahre, 21 € für Ältere und Familien). Der Übernachtungspreis reicht von 16 € (inkl. Frühstück) bis 38,30 € (inkl. VP). Für 6 € p. P. erwirbt man ein Premiumpaket: u.a. werden das Bett bezogen und Handtücher gestellt. Es gibt auch spezielle Wochenendangebote für Familien. Info und Buchung: Deutsches Jugendherbergswerk, Landesverband Mecklenburg-Vorpommern e.V., Tel. 0381/77 66 70, www.jugendherbergen-mv.de. Siehe auch "Info & Buchung".Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V.; DJH Warnemünde

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